Bayern-Trainer Niko Kovac

Aufbäumen gegen Windmühlen

von Redaktion

ANDREAS WERNER

Letztes Aufbäumen – oder letzter Sargnagel? Vor der Partie des FC Bayern gegen Benfica Lissabon gestern Abend fragten sich die Leute im Großen und Ganzen nur noch, mit welcher Überschrift das voraussichtlich finale Kapitel des Trainers Niko Kovac in München in die Geschichte eingehen würde. Angesichts der desaströsen Entwicklung in den vergangenen Wochen deutet viel darauf hin, dass für den Coach keine allzu hohe Seitenanzahl in den Vereinschroniken reserviert werden sollte. Kovac wurde zusehends zum Ritter von der traurigen Gestalt, als die Stars begannen, ihm die Gefolgschaft zu verweigern und schließlich die Chefs nicht mit Kritik sparten. Unter solchen Umständen ist ein souveränes 5:1 gegen den portugiesischen Rekordmeister zwar ein Aufbäumen, aber wohl eines im Kampf gegen Windmühlen – und wer sich gegen Windmühlen abmüht, hat es immer schwer.

Die Bayern-Bosse sind dabei, sich und alles zu hinterfragen. Gut so. Sie gingen im Sommer bewusst ein Risiko ein, mit zwei Komponenten, die sich – im Nachhinein ist man immer schlauer – als eine knifflige Kombination herausstellten: Das Experiment, einen jungen Coach mit einer routinierten Mannschaft zu konfrontieren, führte bisher nicht zum erwünschten Effekt, nochmals mit frischem Wind alles zu geben. Im Sommer Trainer des FC Bayern zu werden, war eine so spannende wie heikle Aufgabe: Es steht in München eine Zeitwende an, in der viel neu zu gestalten sein wird – allerdings muss man dafür überzeugend auftreten, seine Ideen einbringen und umsetzen. Man kann an so einer Herausforderung scheitern, leicht sogar, wenn die anderen nicht mitspielen.

Kovac ist ein sympathischer Typ, der nicht alleine Schuld an der Entwicklung trägt. Doch bereits zu seiner Verpflichtung gab es Kritik, er habe sich zuvor nicht ausreichend als stilbildende Trainerfigur profiliert. Um diesen FC Bayern durch den Schlussakkord seines aktuellen Zyklus zu begleiten, braucht man sehr viel Gespür. Arsene Wenger wäre ein logischer Kandidat, mit 69 Jahren gilt er als erfahrener Komponist. Ob er nun übernimmt, ist die nächste große Frage, die die Fans bewegt. Das klare Ergebnis gestern Abend war Kovac’ einzige Chance, sich womöglich noch eine Gnadenfrist zu erkämpfen. Ein schlechtes Resultat wäre der letzte Sargnagel gewesen. Doch für viele war selbst dieses 5:1 ein Lebenszeichen, das zu spät kam, um noch viele Chronik-Seiten zu füllen.

andreas.werner@ovb.net

Artikel 4 von 11