von Redaktion

VON GÜNTER KLEIN

Wie ist das nun mit Paul Breitner, so grundsätzlich? War er überhaupt jemals ein Rebell? Also einer, der die Dinge anders sieht und gestaltet, der von Konventionen abweicht, auch mal Ungehorsam zelebriert?

Es spricht einiges dafür. Und es war nicht nur die Optik: Wallende Mähne, wuchernder Bart – bis zum Erscheinen Paul Breitners in der Bundesliga Anfang der 70er-Jahre sahen Fußballstars braver aus. Selbst der frühe Günter Netzer war weit entfernt vom langen Haar.

Doch Rebellion ist auch eine Frage der Haltung. Und da lieferte Breitner schon einiges an Stoff.

Das berühmte Foto: Er daheim im Schaukelstuhl unterm Bild des chinesischen Revolutionsführers Mao – die (sie gab es tatsächlich!) deutsche Ausgabe der „Peking-Rundschau“ lesend.

Seine Auflehnung gegenüber dem Deutschen Fußball-Bund: Als er Weltmeister 1974 geworden war, das Elfmetertor zum 1:1 beigetragen hatte, aber der DFB die Spielerfrauen nicht vorließ, reagierte er radikal: Rücktritt aus der Nationalmannschaft (revidierte er später aber).

Während seiner Karriere immer wieder gezieltes Setzen von Reizen. 1980 schrieb er ein Buch mit dem Titel „Ich will kein Vorbild sein“. Darin die berühmt-berüchtigte Passage, in der Breitner sich dafür aussprach, in der fußballerischen Ausbildung gezielt das Foulspiel zu lehren (klar, weil Fouls zur fußballerischen Praxis gehören und das „geschulte“ Foul beim Gegner weniger Schaden anrichtet).

Oder für den Dokumentarfilm „Profis“ von 1979: Da ließ Breitner sich verkabeln für ein Spiel mit dem FC Bayern; sollten die Leute doch mal hören, wie Konversationen auf dem Fußballplatz ablaufen, wie beleidigt, wie ermuntert, wie der Schiedsrichter angesprochen wird. Bis dahin war der Fußball verschlossen (und ist es heute ja auch noch, wo die Beteiligten aus Angst vor Lauschangriffen die Hand vor den Mund halten, wenn sie reden).

Und noch ein Breitner-Spätwerk: Sich dort zu engagieren, wo andere hastig vorbeigehen. Regelmäßig hilft er bei der Münchner Tafel, verteilt einmal die Woche Lebensmittel.

Es gibt allerdings auch Indizien, dass Paul Breitner nicht immer rebellisch, sondern durchaus angepasst war.

Trotz der Mao-Affinität: Breitner war Soldat. Es war eben nicht so, dass er den Wehrdienst verweigert hätte. Es war nur so, dass er sich vor den Feldjägern versteckte (in, so sagt es die Legende, Uli Hoeneß’ Keller).

Er machte den Kommerz des Fußballs mit. Vermarktete seinen Ruhm, als er in zwei Filmen (der Western „Potato Fritz“ und der Krimi „Kunyonga – Mord in Afrika“) mitspielte. Schloss Werbeverträge mit Pitralon (vor der WM 1982: Bart ab) und McDonald’s („Ich bin Fan der ersten Stunde“). Er wurde Kolumnist bei Springer, schrieb in der „Bild“, was an der These von seiner linken Einstellung zweifeln ließ. Er rechtfertigte sich damit, dass er auf diesem Weg eben am meisten Leser erreicht.

Politisch war mit zunehmendem Alter eine Hinwendung zu konservativen Kreisen zu spüren, der „Spiegel“ sah in Breitner gar einen „strammen CSU-Anhänger“, der in einer lokalen Streitigkeit mit einem Bürgermeister der Freien Wähler um die Rechtmäßigkeit einer Thujenhecke sogar Edmund Stoiber einzuschalten versuchte.

Vor zehn Jahren der Schulterschluss mit dem FC Bayern, dem er lange ein Stachel im Fleisch gewesen war mit seinen pointierten Kommentaren auf allen Kanälen. Breitner beriet fortan den Vorstand, war Scout, Markenbotschafter. Und verteidigte die Bayern scharfkantig gegen die Kritiker, wie er selber einer war. Manche sagen: Seit diese Geschäftsbeziehung nun wieder beendet ist, erlaubt Breitner sich auf einmal Kritik.

Wie in der Fernsehsendung „Blickpunkt Sport“, in der er vor einigen Wochen die Pressekonferenz mit Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß und Hasan Salihamidzic bewertete. Breitner ging vor allem mit Hoeneß ins Gericht: „Er tritt das Grundgesetz seit einem halben Jahr mit Füßen“ (gemeint waren die Bemerkungen des Bayern-Präsidenten über die Spieler Özil, Bellarabi und Bernat). Wenn Hoeneß der Vater der Familie FC Bayern sei, dann müsse man sich „für den Papa gewaltig schämen“.

Da war er dann wieder, der junge Breitner. Auf der Seite derer, die angegriffen werden. Wenn man sein Wirken bilanziert: Es war ein steter Grenzgang, mit Neigung mal zur Rebellion, dann wieder der Kuschelei mit dem Establishment. Manchmal kam beides zusammen: 1998 zeigte Paul Breitner Interesse, Bundestrainer zu werden, nachdem Berti Vogts hingeschmissen hatte. Die mündliche Willensbekundung, den trainererfahrungslosen Breitner zu berufen, machte DFB-Präsident Egidius Braun nach 24 Stunden rückgängig. Breitner hatte angekündigt, im DFB ausmisten zu wollen.

Paul Breitner war unterm Strich ein Teilzeitrebell – doch das ist schon viel in einer Branche, die Anpassung verlangt. Wer also stand schon für ein dauerhaftes Anderssein? Zumindest in Deutschland schwer zu finden.

Günter Netzer wurde gemeinhin als Rebell bezeichnet. Weil man glaubte, den Offensivfußball von Borussia Mönchengladbach als fußballerische Entsprechung des sozialliberalen Zeitgeists der 70er-Jahre deuten zu müssen. Doch für den Geist der 68er-Generation stand Netzer eigentlich nur in jenem Pokalfinale von 1973, als er sich gegen die Autorität Hennes Weisweiler (sein Trainer) auflehnte und sich selbst einwechselte. Politisch hat Netzer sich nicht positioniert. Seine Interessen waren unpolitischer Art: Schnelle Autos fahren, eine Discothek (das berühmte „Lovers’ Lane“) betreiben, schöne Frauen kennenlernen.

Er war eh ein Mann des Kapitals. Trimmte als Manager den Hamburger SV auf Kommerz, erkannte in der Zeit danach seine Markenkraft als ironischer Fußball-Erklärer (in der ARD wurde er Kult) und war vor allem im höchstkapitalistischen Sportrechtehandel (CWL, Infront) tätig. Wohnsitz: die steuerlich günstige Schweiz.

Am ehesten hat noch Ewald Lienen sich seine Haltung aus Spieltagen bewahrt. Wobei bei ihm die politische Ausrichtung schon extrem war.

Lienen, der seine sportliche Blütezeit als Linksaußen in den 80er-Jahren hatte, studierte Sozialpädagogik, trat ein gegen Berufsverbote, zeigte sich bei öffentlichen Auftritten im Pulli mit der Aufschrift „Sportler gegen Atomraketen – Sportler für den Frieden“, stieg in ein Spielfeldrandinterview mit der Bemerkung ein „Sie können mich alles fragen über den Ostermarsch“ und kandidierte bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen für die „Friedensliste“ (persönliches Wahlkreis-Ergebnis: 1,2 Prozent).

Er wäre dank seiner Klasse als Flügelstürmer auch ein Kandidat für die deutsche Nationalmannschaft gewesen – doch Ewald Lienen lehnte ab, ohne dass eine Berufung erfolgt wäre.

Die Überraschung war dann, dass Ewald Lienen dem Zirkus Profifußball erhalten blieb, in dem er stets so fremd gewirkt hatte. Er wurde Trainer. Ein versessener. Zettel-Ewald. Teil des Systems. Er ist sogar Experte bei Sky.

Das Missionarische hat er sich bewahrt. Journalisten, die regelmäßig mit ihm zu tun haben, erzählen, dass er immer noch versuche, aus allen bessere Menschen zu machen. Mit einem sozialen und ökologischen Gewissen. Und er ist nach einer Odyssee durch den korrupten griechischen Fußball seit vier Jahren beim zu ihm perfekt passenden Verein: dem FC St. Pauli, der sich auf der linken Hälfte des politischen Spektrums verortet.

Lienen, gerade 65 geworden, hat seinen Verein spät gefunden, Paul Breitner seinen nie gewechselt. Auch das sagte er nämlich in seinem Fernsehinterview, das die Bayern-Führung so aufbrachte: „Ich bin ein Teil des FC Bayern, und der FC Bayern ist ein Teil von mir.“

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