München – Irgendwann rutschte Mark Kirchner das kleine Klischee dann doch heraus. „Leichter zu trainieren“, sagte der Bundestrainer der deutschen Biathleten, „sind die Männer, weil sie mit Situationen weniger emotional umgehen.“ Frauen dageen hätten gerne Redebedarf.
Kirchner weiß, wovon er spricht. Seit vergangenem Frühjahr ist der 48-Jährige in beiden Biathlon-Lagern zuhause. Seit der Trainerrotation nach dem Ende der vergangenen Saison hat er als Chef-Bundestrainer das sportliche Sagen in der wichtigsten Abteilung des Deutschen Skiverbands (DSV). Auch wenn er sich selbst deshalb nicht unbedingt als starken Mann sehen will. „Wer mich kennt, der weiß, dass ich nicht der große Boss sein will“, sagte er, „für mich zählt das Team und ein gutes Miteinander.“
Es dürfte die Sache erleichtert haben, wie der DSV seine neue Trainermannschaft aufstellte. Für das bisweilen sperrige, zum Schießtrainer wegbeförderte Urgestein Gerald Hönig wurde eine blutjunge Doppelspitze installiert. Kristian Mehringer (36) soll gemeinsam mit dem Österreicher Florian Steirer (36) das Ensemble um die nach ihren gesundheitlichen Problemen allerdings noch bis Januar pausierende Laura Dahlmeier zu alten Erfolgen führen. Kirchner lässt beide an der langen Leine, will sich selbst weitgehend auf seine Aufgaben bei den Männern konzentrieren, die er gemeinsam mit Disziplincoach Isidor Scheurl (32) befehligt.
Der Chef sieht in den Neubesetzungen einen nur logischen Jugendstil. „Der Verband stellt sich eben mit Blick auf den olympischen Zyklus neu auf.“ Bedenken ob der Unerfahrenheit seiner Untergebenen hat er nicht. Im Gegenteil, er sieht die Sache ganz pragmatisch. „Wir versuchen das jetzt mal so“, sagte er am Rande der Einkleidung des deutschen Verbandes in Herzogenaurach, „wenn es nicht klappt, dann kann man es immer noch auch wieder ändern.“
Klar ist auch: Gerade Kirchner hat einiges Gewicht auf den Schultern. Die deutschen Skijäger gingen als stärkste Nation aus dem vergangenen Weltcup-Winter und auch den Olympischen Spielen in Pyeongchang hervor. Daran muss und daran will man sich wieder messen. Daran ändert auch nichts, dass hinter Laura Dahlmeier die Hauptlieferantin von Spitzenplätzen vorerst fehlt. „Es wäre ungerecht, das dem Mädchen auf die Schultern zu laden“, sagte er, „da müssen sich jetzt eben andere zeigen. Das Potenzial dafür haben wir.“
Den gelegentlichen erhöhten Redebedarf nähme er gewiss in Kauf. Patrick Reichelt