Beschwingt zur Trendwende

von Redaktion

Nach einer fruchtbaren Aussprache glänzen die Löwen beim Sieg über Zwickau

VON ULI KELLNER

München – Als Sascha Mölders mittels Auswechseltafel zum Feierabend gebeten wurde, erhoben sich die 1860-Fans auf der Haupttribüne von ihren Sitzen. Eine Geste, die überall auf der Welt höchste Anerkennung ausdrückt. Sie wird vorzugsweise Spielern zuteil, die zuvor ausgiebig ihren Torhunger gestillt haben. In Giesing dagegen kann man auch noch mit alten Arbeitertugenden punkten, wie sich beim wichtigen 2:0 (2:0)-Sieg gegen Zwickau zeigte.

„Ich brauche Spieler, die Gras fressen“, hatte Trainer Daniel Bierofka angekündigt – und im bald 34 Jahre alten Mölders einen Prototypen gefunden, der seine Idealvorstellung von Fußball am besten verkörpert. Mölders erhielt die Kapitänsbinde von Felix Weber, der wie Adriano Grimaldi anfangs draußen blieb. Ein eigener Treffer war dem Aufstiegshelden zwar nicht vergönnt. Dafür glänzte er im Zusammenspiel mit Stefan Lex, dessen Führungstreffer er mustergültig einleitete. Der älteste (und womöglich schwerste) Spieler auf dem Platz strahlte so viel Spielfreude und Leidenschaft aus, dass er die gesamte Heimmannschaft mitriss – und mir ihr das Publikum, wenngleich sich einige Fans erst ab der Pause sicht- und hörbar mitfreuten.

Der selbst auferlegte Stimmungsboykott fiel ausgerechnet in jene Spielhälfte, in der die Löwen durch Lex (16.) und einen Handelfmeter von Phillipp Steinhart (31.) die Trendwende erzwangen. Nach nur einem Sieg in den vorangegangenen zehn Spielen schienen es die Gastgeber eilig zu haben, dem Trainer und ihrem Publikum zu zeigen, wie fruchtbar sie sich unter der Woche ausgesprochen hatten. „Wir haben den Schalter umgelegt“, durfte Lex unwidersprochen behaupten: „Jeder hat sich auf das konzentriert, was er verbessern kann.“ Oder, wie Steinhart es ausdrückte, der Mr. Cool am Elfmeterpunkt: „Heute haben wir bis zum Schluss Vollgas gegeben. Jeder von uns hat eingesehen, dass das in Karlsruhe (2:3) zu wenig war.“ Zu wenig Leidenschaft, zu wenig Spielwitz, vor allem aber zu wenig Siegeswille.

Am Samstag war alles wieder da, was sich in der besten Offensivleistung seit dem 1:1 in Unterhaching (Ende September) entlud. „Ich bin stolz auf meine Mannschaft“, sagte Bierofka. Der Auftritt sei eine „tolle Reaktion“, Karlsruhe im Nachhinein somit „ein Ausrutscher“ gewesen. Lediglich die Chancenverwertung war dem 1860-Coach eine kritische Anmerkung wert. Selbst Zwickau-Kollege Joe Enochs hatte ja angemerkt: „Sechzig hätte auch 3:0 oder 4:0 gewinnen können. Die Chancen dazu waren da.“

Doch auch so war die Erleichterung greifbar. Bierofka lächelte – erstmals seit Wochen öffentlich. Und Stefan Lex lieferte den Spruch des Tages. Ohne den Anflug eines Lächelns sagte der endlich in Giesing gelandete Flügelstürmer: „Wir waren gut im Spiel – bis auf die erste Minute.“ Eine trockene Anspielung auf die ersten 60 Sekunden, in denen beide Teams nach dem gemeinsam ausgeführten Anstoß reglos blieben („Stillstehen gegen den Stillstand“ hieß diese Protest-Aktion gegen die geplatzte Regionalligareform). Es war im Übrigen die einzige Minute, in der Zwickau berechtigt von drei Punkten träumen durfte.

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