„Fast wie ein Fluch“

von Redaktion

Das Pech des DSV-Teams ist Alpindirektor Maier suspekt – Dreßen verspricht seine Rückkehr

VON ELISABETH SCHLAMMERL

München – Zuerst kam das Flugzeug mit Verspätung in München an – und dann ließ auch noch das Gepäck auf sich warten. Aber Thomas Dreßen nahm diese Verzögerung gelassen hin. Mit einem Lächeln kam er in den Ankunftsbereich des Münchner Flughafen gehumpelt, gestützt auf zwei Krücken, und nahm dort erst einmal seine Freundin in den Arme. Etwas früher als geplant.

Eigentlich hätte er ja in Beaver Creek auch noch ein zweites Skirennen bestreiten wollen, doch der schlimme Sturz bei der Abfahrt am Freitag brachte alles durcheinander. Der Mittenwalder wird in diesem Winter überhaupt kein Skirennen mehr fahren. Sein Ausfall reißt ins deutsche Alpin-Team eine riesige, schmerzliche Lücke, er fehlt als Siegfahrer und Aushängeschild gleichermaßen. Doch nur vorübergehend, denn Dreßen ist sich sicher: „Ich werde zurückkommen.“ Nur „wie schnell, wie lange das dauert – keine Ahnung. Ich gehe erst wieder auf Ski, wenn es hundertprozentig passt“, sagte der 25-Jährige. „Ich bin ja noch nicht so alt.“

Nach der Ankunft aus Denver ging es gestern Mittag erst einmal zur Untersuchung in eine Münchner Klinik. Dort gab es die erste gute Nachricht für ihn seit zwei Tagen. Anders als bei der Erstversorgung in Vail, wurde hier diagnostiziert, dass nur das vordere und nicht auch noch das hintere Kreuzband im rechten Knie gerissen ist. Wenn die Schwellung in den nächsten Tagen abgeklungen ist, wird Dreßen operiert. Die Schulter, die er sich bei dem Sturz in den Fangzaun ausgekugelt hat, „habe ich mir gleich selbst wieder eingerenkt“, sagte der Kitzbühel-Sieger. „Das ist auch mein kleinstes Problem. Solange ich mit Krücken gehen kann, kann es eh nicht so schlimm sein.“

Für den Rest des deutschen Abfahrtsteams verliefen die Übersee-Rennen zwar glimpflicher, aber doch auch recht unerfreulich. Josef Ferstl sorgte mit dem 13. Platz am Freitag für das beste Resultat, beim Super-G einen Tag später war er mit Startnummer 1 chancenlos – und Andreas Sander blieb das gesamte Wochenende hinter den Erwartungen zurück.

Dreßen bat um Nachsicht für die Kollegen. Es hätten sowohl am Wochenende zuvor in Lake Louise als auch auf der WM-Strecke von 2015 spezielle Verhältnisse geherrscht, da komme es schon mal vor, dass dann die Abstimmung mal nicht so passe, sage er.

Auch seinen Sturz führte er unter anderem auf die wechselnden Bedingungen zurück. Weil der Außenski im weichen Schnee geradeaus statt leicht um die Kurve fuhr, wollte er mit dem Innenski korrigieren. Aber da sei die Piste wieder hart gewesen. „Da hat es mir die Beine auseinandergerissen, dann hat der andere Ski wieder Gripp gekriegt – und dann ist es eh schon dahingegangen, und ich habe einen Stich im Knie gespürt“, erzählte Dreßen.

Als Ersthelfer war Co-Trainer Hannes Wagner zur Stelle. In dem Akia, der den Athleten kurz darauf ins Tal brachte, saß Dreßen zunächst schon wieder aufrecht. Und vor seiner Abreise aus Colorado hatte er noch auf den Sozialen Medien ein Foto gepostet, auf dem er lächelte. Während Dreßen bereits auf dem Weg nach Hause war und unterwegs von seinem Sitznachbarn im Flugzeug, dem Österreicher Hannes Reichelt, der wie viele Skirennläufer Erfahrung mit einem Kreuzbandriss hat, ein paar gute Tipps erhielt, haderte DSV-Alpindirektor Wolfgang Maier mit dem Verletzungspech. „Eine Saison wie letztes Jahr, das können wir jetzt nicht wiederholen“, sagte er.

Zu Beginn des vergangenen Winters hatten sich nacheinander in Felix Neureuther und Stefan Luitz gleich zwei Podestfahrer mit Kreuzbandriss verabschiedet, dazu erwischte es noch ein paar Nachwuchsläufer. „Das ist fast wie ein Fluch, der auf dieser alpinen deutschen Mannschaft liegt“, sagte Maier. Gestern Abend, nach Luitz’ Sieg, dürfte seine Laune schon wieder besser gewesen.

Zuletzt musste Neureuther sein für Levi angekündigtes Comeback verschieben, weil er sich beim Training den Daumen ausgekugelt und die Mittelhand gebrochen hatte. Aber wenigstens hat der WM-Dritte im Slalom hinter sich, was Dreßen jetzt bevorsteht. Eine Operation und eine langwierige Reha.

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