Verzicht aufs schöne Spiel

von Redaktion

Bei einem pragmatischen Bayern-Auftritt setzt Ganbry die entscheidenden Wirkungstreffer

VON ELISABETH SCHLAMMERL

Bremen – Es gab viel zu tun für Serge Gnabry an diesem Nachmittag. Auf dem Rasen, natürlich, aber vor allem nach Abpfiff und den üblichen Verpflichtungen eines Doppeltorschützen. Während die Mannschaftskollegen des FC Bayern es eilig hatten, im Bus zu verschwinden, um möglichst schnell nach dem 2:1 im Bundesligaspiel bei Werder Bremen die Rückreise nach München zurück antreten zu können, schaute der 23-Jährige in der Kabine des Gegners, die ein Jahr lang auch seine war, vorbei.

Es könnte sein, dass er dort nicht ganz so herzlich empfangen wurde, wie vielleicht erhofft. Dabei hatte sich Gnabry doch bemüht, beiden Vereinen gerecht zu werden. Den Bayern mit seinen beiden Toren und den Bremern, dass er sich darüber nur verhalten gefreut hat, „aus Respekt“, wie er sagte. „Ich hatte eine super Zeit hier.“

An Gnabry scheint die Krise der vergangenen Monate fast spurlos vorüber gegangen zu sein. Im Gegenteil, er ist einer der Gewinner dieser Schwächephase. Schon Anfang November gegen Freiburg wäre er beinahe Matchwinner gewesen mit seinem Treffer. Aber dann fiel kurz vor Schluss, als er nicht mehr auf dem Platz war, doch noch der Ausgleich. In Bremen war er gar nicht vorgesehen für die Startelf, sondern Arjen Robben nach dessen glänzendem Auftritt gegen Benfica Lissabon, aber dann fiel der Niederländer wegen Adduktorenproblemen aus, und der deutsche Nationalspieler, der wegen ähnlicher Beschwerden die letzten beiden Partien verpasste hatte, rückte in die Startelf. „Mit ihm haben wir eine Waffe im Spiel“, sagte Sportdirektor Hasan Salihamidzic. „Er hat Geschwindigkeit und weiß auch, wie man Tore macht.“ Niko Kovac lobte neben den beiden Treffern Gnabrys defensives Engagement. Das sei für einen Außenstürmer nicht normal, so der Trainer. Aber er konnte nicht verhindern, dass die Bayern auch in Bremen ein Gegentor nach einem Abwehrpatzer kassierten, in einer Phase, in der sie wieder einmal die Kontrolle über ihr Spiel aus der Hand gegeben haben. Beim zwischenzeitlichen Ausgleich durch Yuya Osako hat Jerome Boateng, dieses Mal mit Torhüter Manuel Neuer als Co-Producer, eine Slapstick-Fortsetzung geliefert, allerdings machte Kovac nicht die beiden als Verantwortliche aus („die können nichts machen“), sondern den zweiten Münchner Innenverteidiger. „Wenn Niklas Süle dranbleibt, haut er mit seiner Wucht und Länge alles weg. Das hat er leider nicht getan“, sagte der Trainer und tat damit, was er bisher – als netter Herr Kovac vermieden hatte: Einzelkritik zu üben.

Es hat sich etwas verändert beim FC Bayern. Der Kurswechsel von Kovac hin zum etwas härteren Hund ist das eine, das andere, dass es auch in der Mannschaft zu einer neuen Erkenntnis kam. „Man hat gesehen, wie wir um den Sieg gekämpft haben“, sagte Thomas Müller. In der Schlussphase, als auch Bremens Trainer wie zuvor die Kollegen aus Freiburg und Düsseldorf einen zusätzlichen Stürmer einwechselte. „Aber es war wohl nicht der richtige Moment, um die Bayern zu schlagen“, gab Florian Kohfeldt zu. Die Münchner zogen ihre Lehren aus den Fehlern der vergangenen Partien, als sie gleich viermal in den Schlussminuten noch Gegentreffer kassierten. „Wir haben ein bisschen auf unser schönes Spiel verzichtet in den letzten Minuten, sondern den Ball auch mal Richtung Eckfahne geschlagen“, sagte Müller. Es sei zwar nicht ganz nach seinem Geschmack, aber „das gehört in dieser Phase auch mal dazu und geht jetzt vor“.

Nicht nur Gnabry versteht sich als Vertreter beider Stile: des schönen Spiels und des nicht so schönen, aber erfolgreichen. Der Konsens fand sich zu Beginn der Woche bei einer großen Aussprache. „Da kam von allen Seiten eine Aufbruchstimmung auf, weil wir alle das Beste wollen“, sagte Salihamidzic. Für sich und den FC Bayern.

Die Münchner haben auch in Bremen vieles besser, aber noch nicht alles richtig gemacht. Zum Beispiel, dass sie die Kontrolle nach der guten Anfangsphase und der Führung wieder aus der Hand gegeben haben. „Da waren wir ein Stück weit zu passiv“, gab Müller zu: „Vielleicht wollten wir auch durchschnaufen.“ Gegen Lissabon und Bremen, die beide nicht in bester Verfassung waren, bekam die Mannschaft das Spiel wieder in den Griff und damit die Krise. Die Siege hätten natürlich dazu beigetragen, sagte Müller, „dass wir uns jetzt wieder in ruhigeren Gewässern befinden“. Passend zur besinnlichen Adventszeit.

Artikel 1 von 11