München – Wenn die deutschen Turf-Hippodrome in die Winterpause gehen und mit eher bescheidenem Können ausgestattete Galopper auf den tristen Sandbahnen in Dortmund und Neuss ihre Runden drehen, dann zieht es deutsche Top-Jockeys zur Arbeit in wärmere Gefilde – falls sie dort gefragt sind. Gute Karten hat da der aktuelle Champion in München-Riem, Martin Seidl, einer der Senkrechtstarter der Jockeyzunft. Der Bayer, der in Köln am großen Stall von Markus Klug zweiter Mann ist und unter anderem die Pferde des Münchner Gestütseigners Helmut von Finck reitet, hat sich nach Australien abgesetzt und seine Zelte nahe Melbourne aufgeschlagen.
„Auf der Sandbahn im Winter ist es mir einfach zu kalt. Da können die Leute sagen, was sie wollen und mich Weichei nennen – das habe ich oft genug gehört. Aber ganz ehrlich: Warum soll ich das hier mitmachen, wenn ich da unten in Australien sein kann?“, sagt Seidl. Ursprünglich wollte er wieder nach Südafrika. „Doch die Frau des Trainers Joey Ramsden, für den ich dort viel geritten bin – sie ist Australierin – hat mir zusammen mit dem Racing Manager Gary Hind Kontakte nach Australien vermittelt. Das hat mich total gereizt.“ Schließlich findet dort zum Beispiel der Melbourne Cup statt – eines der berühmtesten Galopprennen weltweit. Und in Down Under ist Seidl kein unbeschriebenes Blatt. Der 23-Jährige, bei Vilsbiburg aufgewachsen und als Stalljockey von Jutta Mayer in Riem erstmals ins Rampenlicht getreten, hat sich durch den erfolgreichen Südafrika-Aufenthalt im vergangenen Winter auch international einen Namen gemacht.
Neben Siegen in eher kleineren Rennen schaffte er dort in einigen Top-Rennen hoch dotierte zweite und dritte Plätze mit großen Außenseitern. Trainer, Besitzer und auch die Medien liebten den „Boy from Bavaria“. Jetzt reitet er seit drei Wochen auf den Rennbahnen rund um Melbourne, und die Reaktionen sind ähnlich positiv.
„Ich konnte mein Glück kaum fassen, als ich hörte, dass Seidl zu uns kommt“, sagte Trainer Robbie Griffiths. Er trainiert etwa 120 Galopper in Cranbourne, etwa eine Autostunde von Melbourne entfernt. „Ich habe seine Videos angeschaut, der Kerl reitet wirklich gut. Und er war brillant in seinem Ritt in Seymour auf Evolutionist.“ Da belegte Seidl bei seiner Australien-Premiere knapp geschlagen Rang zwei. „Ich habe zwar keinen Riesenstall, aber ich kann Martin weiter bringen“, sagt Griffiths.
Genau das will der ehrgeizige und lernwillige Seidl. „So ein Aufenthalt bringt einen weiter. Zum Beispiel werde ich da lernen, mein Pferd noch besser im Rennen gerade zu halten. Gary Hind hat mir dringend zu Australien geraten. ,Du wirst dich weiter verbessern‘, hat er gesagt. Genau das ist ja schon durch Südafrika passiert. Reiterlich, und auch im Kopf.“
Der Riemer Champion, der mit 51 Siegen seine bisher beste Saison absolviert hat, kennt seinen Wert: „Es gibt ja in Deutschland wenige junge Jockeys, die so viele Gruppen- und Listenrennen gewonnen haben wie ich. Ein Gruppe-1-Sieg fehlt mir noch. Und wenn der kommt, dann klopfe ich noch einmal in Hong Kong an.“ Auch bei dieser absoluten Top-Adresse hat man den jungen Bayern schon auf dem Radar.
Drei Monate will Seidl in Australien bleiben. Geht das so einfach, so lange weg vom Kölner Stall zu sein? „Ich hab ja zum Glück gute Leute, die hinter mir stehen und mir die Chancen in großen Rennen geben. Helmut von Finck zum Beispiel, für den ich mit Whispering Angel den Preis der Winterkönigin gewonnen habe. Ohne die kommt man nicht weit. Siege für den Helmut sind umso schöner. Wir sind ja beide aus München.“