Beaver Creek/München – Der Schnee in Colorado ist etwas Besonderes, heißt es. Besonders trocken, und deshalb pulvriger als von europäischen Pisten gewohnt. Aber Stefan Luitz war die Beschaffenheit des Bodens egal, als er sich am Sonntag im Ziel des Riesenslaloms von Beaver Creek in den Schnee fallen ließ. Vermutlich hätte er dies auch getan, wenn dort Dreck und Schlamm gelegen wäre. Er hat etwas geschafft, für das sogar das manchmal inflationär benutzte Wort sensationell angebracht ist. Der Allgäuer gewann den Weltcup-Riesenslalom auf der WM-Piste von 2015. „Es ist unglaublich“, sagte Luitz. Und das gleich aus mehreren Gründen. In elf der vergangenen zwölf Rennen in dieser Disziplin, WM und Olympische Spiele inklusive, hatte schließlich Marcel Hirscher triumphiert. Am Sonntag nun musste sich der Österreicher um 14 Hundertstelsekunden geschlagen geben. Außerdem war dies vor Luitz auch erst zwei Deutschen gelungen: 2014 Felix Neureuther aus Garmisch-Partenkirchen und 41 Jahre davor dem Mittenwalder Max Rieger.
Doch so außergewöhnlich macht den Sieg erst die persönliche Geschichte des 26-Jährigen. Vor knapp einem Jahr zog er sich in Alta Badia einen Kreuzbandriss zu, schon den zweiten in seiner Ski-Karriere. Dass ein Skirennläufer nach einer so schweren Verletzung auf Anhieb fast besser ist als davor, kommt höchst selten vor – und brachte ihm auch höchsten Respekt der Konkurrenz ein. „Es ist Stefan von Herzen zu gönnen, weil er sich immer verletzt hat, wenn er auf dem Sprung war. Er hat mit den schwersten Weg aller Weltcup-Fahrer gehen müssen“, sagte Hirscher sehr fair.
Luitz hatte in Levi beim Slalom, nicht gerade seine Paradedisziplin, sein Comeback gegeben, aber nicht das Finale der besten 30 erreicht. Die Erwartungen der Trainer für die ersten Riesenslaloms der Saison waren nicht riesig. Im Training fahre er so gut wie vor der Verletzung, hatte Cheftrainer Mathias Berthold gesagt, aber „um der Alte zu werden, braucht man Rennerfahrung. Und das dauert meist ein bisschen.“ Zumal die Verletzung nicht bei einem Sturz passierte, sondern bei einem Schwung. „Es war, muss ich ehrlich zugeben, nicht ganz leicht. Daran habe ich wirklich mental arbeiten müssen und werde da auch dranbleiben“, hatte er im Herbst zugegeben.
Dabei hatte Luitz lange den Ruf, mental nicht der Stärkste zu sein, weil ihm manchmal vor allem am Ende eines Rennens – oft genug in aussichtsreicher Position – ein Lapsus, eine Unkonzentriertheit passiert war. Unvergessen ist ein Einfädler im letzten Tor beim olympischen Riesenslalom von Sotschi.
Ganz oben zu stehen, ist einfach großartig“, sagte Luitz. Dass ihm Beaver Creek liegt, bewies er bereits im vergangenen Jahr, als er Zweiter wurde. Am Sonntag waren die Bedingungen schwierig. „Zum Fahren war es nicht mehr schön“, gab Luitz zu.
Für die alpine Abteilung des Deutschen Skiverbandes ist der Erfolg nach dem Schock über Thomas Dreßens Kreuzbandriss wie Balsam. „Wir haben zuletzt schon zu kämpfen gehabt. Das war nicht so lustig“, gibt Alpindirektor Wolfgang Maier zu. „Dieser Sieg ist erleichternd für uns.“ Für den DSV und besonders für Stefan Luitz.