Oben bleiben

von Redaktion

Die Bobfahrer haben einen grandiosen Olympiawinter hinter sich – nun suchen sie neue Ziele

VON MARC BEYER

München – Die ersten Arbeitstage im olympischen Zyklus hat René Spies in Erinnerung, als seien sie gestern gewesen. Der Trainerstab blickte zurück auf das, was war, und voraus auf das, was kommen sollte, was besser werden sollte oder zumindest ganz anders. Viereinhalb Jahre ist das jetzt her, und Spies sagt: „Es war furchtbar.“

Damals, bei den Spielen in Sotschi, hatten die deutschen Bobfahrer ein historisches Debakel erlebt und waren ohne jede Medaille heimgereist. Die folgenden Umwälzungen brachten Spies die Beförderung zum Cheftrainer, und wenn er heute auf den Beginn des neuen Olympiazyklusses blickt, der heute im lettischen Sigulda in den Weltcup-Modus übergeht, klingt er ausgesprochen entspannt: „Diesmal war es viel, viel angenehmer.“

Drei Goldmedaillen in drei Wettbewerben gewannen die Athleten des Schlittensportverbandes BSD in Pyeongchang, dazu eine silberne. Wer (nahezu) alles abräumt, was zu holen ist, dem stellt sich danach vor allem die eine Frage: Wie soll man sich da noch neue Ziele setzen? So ähnlich war das am Anfang auch beim Bundestrainer: „Für mich persönlich war das schwer.“ Aber es liegt auch in der Natur des Sports, dass man sich immer neue Ziele setzt, und so hat er inzwischen durchaus eine neue Motivation gefunden: „Das große Ziel ist natürlich, dass wir das wiederholen.“

Im Spätsommer, als die Saison noch fern war, hat Spies sich zu diesem Thema mit Francesco Friedrich unterhalten, dem Doppel-Olympiasieger von Pyeongchang. Der Sachse ist 28, er hat in beiden Schlitten die bedeutendsten Titel gewonnen, die zu gewinnen sind. Viel mehr als das geht nicht, was jetzt noch kommt, wird immer eine Wiederholung sein. Wenn der Trainer allerdings dachte, dass das Feuer in Friedrich nicht mehr so lodert wie in den vergangenen Jahren, dann musste er sich schnell korrigieren. Sein Pilot hat zwar auch die letzten vier WM-Titel im Zweier gewonnen. Aber erst mit einem fünften Titel in Serie wäre er weltweit einzigartig. „Das ist jetzt sein Ziel“, sagt Spies, „daran macht er alles fest.“

Der Bundestrainer könnte weitere Beispiele nennen. Johannes Lochner etwa fuhr insgesamt eine gute Olympiasaison – außer bei Olympia. Der Pilot vom Königssee gewann im Vierer die Weltcupwertung, aber ausgerechnet auf der Bahn im Alpensia Sliding Centre fand er sich nie wirklich zurecht, weswegen seine Saison in tiefer Depression endete. Als es dann wieder los ging, erinnert sich Spies, „war der Hansi der Motivierteste von allen“. Sein Antrieb ist es, sich gleich wieder weit vorne zu positionieren, schließlich ist ein Bobpilot immer auch Manager eines Teams und Kleinunternehmer. Lochner muss Sponsoren suchen und den Schlitten finanzieren, den er auf eigene Kosten vom privaten Hersteller Johannes Wallner erworben hat. Um im Geschäft zu bleiben, muss er an der Spitze mitfahren. Mariama Jamanka wiederum, die Überraschungssiegerin von Pyeongchang, hat zwar nun eine olympische Goldmedaille. Dafür fehlt ihr bisher ein Weltcupsieg.

Eine zentrale Belastung, die die Bobfahrer zwei Jahre lang zu stemmen hatten, sind sie nun immerhin los. Das Nebeneinander von Wallner-Schlitten und denen des Instituts für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) ist Geschichte. Nico Walther war den FES-Geräten immer treu geblieben. Friedrich fuhr beide Schlitten (und wird es weiter tun), während Lochner dem Tiroler Wallner nicht nur fachlich verbunden war, sondern auch als Freund. Wie Friedrich, der nur im Zweier das FES-Modell nutzt, wird er den Vorjahresschlitten nutzen, gelegentliche Updates beziehen und darüber hinaus die Expertise Wallners, der mit einem Service-Vertrag gebunden wird. Die extreme Rivalität, die logistische Konsequenzen bis hin zum Anmieten unterschiedlicher Garagen bei den Weltcups mit sich brachte, ist Vergangenheit. „Da wurden viele an ihre Grenzen getrieben“, erinnert sich Spies.

Unter anderem die Ingenieure der FES, mit deren Arbeit man nicht mehr zufrieden war. Sotschi 2014 war auch für sie ein Debakel, Pyeongchang 2018 mit zwei Goldmedaillen ihre Rehabilitation. Der nächste olympische Zyklus beginnt entspannter als der letzte.

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