Max Merkel wäre heute 100 Jahre alt geworden. Leider hat er diese Welt im November 2006 verlassen. Das ist die offizielle Angabe. Sagen wir es so: Öffentlich gesehen hatte man ihn da schon lange nicht mehr, und irgendjemand aus dem Fußballgeschäft sagte: „Selbst wenn Max Merkel sterben würde – die Bild-Zeitung würde es nicht zugeben.“ Kolumnist – das war die Rolle, in der die jetzt noch nicht verrentete Generation Max Merkel erlebte. Die Trainerjobs kamen für ihn in den 70er-Jahren schon seltener, die Engagements wurden kürzer und erfolgloser. Also brachte der Wiener seinen Schmäh nicht mehr vor kritischen Mannschaften an, sondern vor den krawalllüsternen Lesern des Boulevards. Die Bild-Serie, in der Merkel im Sommer Club für Club durchging, manche Akteure lobte (Bochums Trainer Rolf Schafstall bekam von ihm sechs von fünf möglichen Bällen), aber die meisten verriss, war allerdings schlicht Kult. Eine spezielle Form von Literatur. Der Ghostwriter war ein guter. Nach Merkel ging der Job an Mario Basler – doch Max Merkel blieb einmalig.
Er war, daran sollte man an seinem 100. Geburtstag erinnern, die Ur-Type des Fußballtrainers, der unterhalten kann. Seine Sprüche füllten Bücher (heute: Internetportale), sein Agieren nach dem Prinzip „Zuckerbrot und Peitsche“ verbrauchte sich oft schnell, trotzdem verbuchte er nennenswerte Erfolge wie hierzulande in den Sechzigern die Meisterschaften mit dem TSV 1860 und dem 1. FC Nürnberg. Beim dritten (nun gut: inzwischen ersten) großen bayerischen Verein war er so gut wie verpflichtet, die Spieler um die Stars Maier und Hoeneß verhinderten es. Sie hatten mehr die Peitsche vor Augen als das Zuckerbrot.
Irgendeine Merkel-Schmonzette dürfte jeder Fußball-Interessierte parat haben. Die bekannteste ist wohl die, wie er eines Tages im Training die Alkoholiker in der Mannschaft gegen die Nüchternen spielen ließ. Und natürlich: Die Säufer gewannen. Ob sich das tatsächlich so zugetragen hat? Die Geschichte wäre zu gut.
Auf alle Fälle hat Merkel ein Erbe hinterlassen. Das des Lästerns. Die jungen Fußballer aus den Nachwuchsleistungszentren sind geglättet, doch einige der älteren Ex-Spieler-Semester und einige Trainer hauen noch ganz schön auf den Putz. Gegen die Langeweile. Gut so.
Guenter.Klein@ovb.net