„Jammern macht es nie besser im Leben“

von Redaktion

Skirennfahrer Thomas Dreßen setzt nach der schweren Verletzung auf seinen Optimismus

München – Er ist gerade mal ein Vierteljahrhundert alt, aber seinen Platz in den Geschichtsbüchern des alpinen Ski-Zirkus hat er sich schon gesichert: Thomas Dreßen katapultierte sich mit seinem Sensations-Sieg auf der Streif zum deutschen „König von Kitz“. Jetzt muss der Werdenfelser die erste größere Verletzung seiner Profikarriere meistern, kann seinen Titel beim Hahnenkammrennen im Januar nicht verteidigen. Aber zu Tode betrübt ist Dreßen deshalb „ganz sicher nicht“, wie er mit einem entspannten Lächeln erzählt. „Es bringt nichts, sich selbst zu bemitleiden. Jammern macht es nie besser im Leben. Wenn man etwas erreichen will, muss man den Hintern hochbekommen, sich Ziele setzen und daran arbeiten.“ Im Interview mit unserer Zeitung analysiert der Mittenwalder seinen Sturz in Beever Creek/Kanada und erklärt seinen Comeback-Plan.

Thomas Dreßen, haben Sie sich die TV-Bilder von Ihrem Sturz schon mal angeschaut?

Ja, aber nicht in Zeitlupe, diese Version will ich gar nicht sehen. Ich finde, der Sturz schaut gar nicht so wild aus, da hat’s mich schon schlimmer zerlegt.

Sie haben Nerven! Einem Hobby-Skifahrer rutscht schon beim Gedanken an einen solchen Abflug das Herz in die Hose. Was haben Sie in dem Moment gedacht?

Oh Sch…, nix mehr zu machen, jetzt geht’s gleich dahin. Wenn man realisiert, dass man einen Sturz nicht mehr verhindern kann, geht’s nur noch um Schadensbegrenzung. Man versucht, so im Fangzaun zu landen, dass man sich möglichst wenig wehtut.

Und wie macht man das bei Tempo 125 – diese Geschwindigkeit hat der Sensor in Ihrem Rückenprotektor beim Aufprall gemessen?

Am besten kommt man mit einer breiten Körperoberfläche auf, mit dem Rücken voran. Aber als es mir die Ski auseinandergerissen hat, habe ich gleich einen heftigen Stich im Knie gespürt und vor Schmerzen einen Schrei losgelassen. Irgendwie habe ich auch die Arme in die Höhe gerissen und mir deshalb beim Sturz die Schulter ausgekugelt. Nach dem Einschlag in den Fangzaun konnte ich mich gar nicht rühren, geschweige denn alleine aufstehen.

Wie ist der Sturz überhaupt genau passiert?

Wir Rennfahrer mögen normalerweise brettlharte, eisige Pisten – auch aus Sicherheitsgründen. Aber diesmal habe ich leider eine weichere Stelle erwischt, da hat es meinen Ski gefressen.

Mediziner sprechen von „slip-catch-Mechanismus“, eine der häufigsten Ursachen für schwere Knieverletzungen im Ski-Rennsport. Können Sie uns das aus dem Ärztechinesisch ins Deutsche übersetzen?

Wenn man vom harten in den weicheren Schnee hineinrast, ändern sich schlagartig die Druckverhältnisse. Man kann die Ski nicht mehr genau kontrollieren, die Belastung verlagert sich abrupt von der einen Kante auf die andere. Dann zieht es dir den Ski weg, und der Druck auf das betroffene Knie erhöht sich um ein Vielfaches.

Sie gelten als ein Athlet, der sich intensiv mit dem eigenen Körper beschäftigt. Wie werden Sie jetzt Ihre Reha angehen?

Das stimmt, ich bin sehr sensibel, was meinen Körper angeht. Auf der einen Seite ist er ja mein Kapital, um meinen Beruf ausüben zu können. Aber auf der anderen Seite gibt es auch noch ein Leben nach dem Ski-Rennsport. Ich will nicht riskieren, dass mein Knie durch ein verfrühtes Comeback später völlig kaputt ist. Deshalb werde ich mir selbst genügend Zeit geben, um die Verletzung auszukurieren. Wenn es gut läuft, kann ich in sechs bis acht Monaten wieder Skifahren. Aber wenn es neun oder zehn Monate dauert, dann ist das auch kein Beinbruch. Langfristig gesehen ist mir meine Gesundheit wichtiger.

Klingt vernünftig. Aber haben Sie keine Angst davor, dass Ihnen während der Reha mal der Geduldsfaden reißen könnte? Bislang sind sie ja von einer so langen Zwangspausen verschont geblieben.

(lacht) Naja, es ist ja nicht meine erste Verletzung beim Skifahren. Das ging schon mit zwölf Jahren los. Da hatte ich unter anderem einen Schädelbasisbruch und eine eingedrückte Augenhöhle.

Wie ist denn das passiert?

Ich bin beim Skitraining von der Schule unglücklich mit einem Klassenkameraden zusammengefahren. Der war etwas kleiner als ich. Er ist mit seinem Helm mit voller Wucht in meine Skibrille gekracht, und die wiederum hat sich in mein Gesicht gebohrt.

Ihre Liebe zum Skifahren und Ihr Selbstvertrauen haben offensichtlich nicht gelitten. Haben Sie keine Angst vor einem Karriereknick nach Ihrer schweren Knieverletzung?

Das spielt für mich momentan gar keine Rolle, ich denke nicht darüber nach. Für mich zählt erstmal nur eins: dass ich wieder gesund werde. Ich bin grundsätzlich ein positiv denkender Mensch, schaue nach vorne und freue mich darauf, wieder Ski-Rennen fahren zu können.

Mal abgesehen vom Rehaprogramm: Worauf kommt es aus Ihrer Sicht noch an, damit’s mit einem erfolgreichen Comeback klappt?

Mei, man verlernt ja das Skifahren wegen einer Verletzung nicht, dafür gibt’s genügend Beispiele. Gefühlt hat doch fast jeder Topfahrer schon mal eine Knieverletzung gehabt, und viele sind nach einem Kreuzbandriss wieder ganz nach vorne gefahren. Entscheidend ist, dass neben dem Knie auch der Kopf mitspielt: Man muss sich überwinden können. Und da bin ich zuversichtlich, dass mir das weiterhin gelingt.

Interview: Andreas Beez

„Für mich zählt erstmal nur eins: dass ich wieder gesund werde.“

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