München – An jedem beliebigen Novembertag wäre Manuel Neuer für diese Aktion in der Luft zerrissen worden. Dabei hatte er es nur gut gemeint, als er im Mittelkreis einen gegnerischen Befreiungsschlag aufnahm und zum Mitspieler weiterleitete. Er wollte das Spiel flott machen, aber auch ein bisschen für die Galerie agieren, also stoppte er den Ball auf Kniehöhe mit der Brust. Dabei rutschte er leicht weg. Elegant sah es dann nicht mehr aus, doch weil sein FC Bayern zu diesem Zeitpunkt schon klar führte und am Ende den 1. FC Nürnberg denkbar ungefährdet 3:0 bezwang, war die unfreiwillige Einlage auch gleich wieder vergessen.
Was in einem Fußballspiel so alles schiefgehen kann, haben die Bayern in den vergangenen Monaten zur Genüge erfahren müssen. Am Samstag machte sich nach dem Spiel deshalb eine Leichtigkeit breit, wie man sie in diesem verwöhnten Ensemble lange nicht erlebt hat. Souveräne Siege, ohne den Hauch eines Zweifels, kennt man bei den Bayern ja kaum noch. Es spielte für das Befinden auch keine Rolle, dass der Gegner denkbar harmlos auftrat. Die Franken waren so drastisch unterlegen, dass ihr Trainer Michael Köllner hinterher schon froh sein konnte, „dass es noch einigermaßen gut für uns ausgegangen ist“.
Spielverläufe wie am Samstag sieht man bei den Bayern in besseren Zeiten ständig. Aber diese besseren Zeiten sind eine gefühlte Ewigkeit her. Drei Monate mussten sie auf einen Liga-Heimsieg warten, und zuhause ohne Gegentor geblieben zu sein, war sogar ein Saison-Novum. Diese Kennzahlen sind eigentlich weit unter der Würde dieses stolzen Vereins.
Deshalb war es arg übertrieben und pathetisch angehaucht, als Karl-Heinz Rummenigge am Abend auf der Weihnachtsfeier im Palais Lenbach feststellte: „Die weihnachtliche Stimmung könnte nicht schöner sein.“ Das Wetter ist schmuddelig, der Schnee nicht in Sicht, fast so weit entfernt wie in der Tabelle die souveräne Nummer eins aus Dortmund – das wären in diesem Club genug Gründe, um den atmosphärischen Ausnahmezustand auszurufen. Aber das haben sie ja gerade erst hinter sich.
Krampfhaft bemühen sie sich nun darum, alles als Zeichen des Aufschwungs zu deuten, was das Spiel hergibt. Die Abkehr des Trainers von Rotationen in großem Stil hat Verlierer erschaffen wie Javi Martinez und Mats Hummels, die sichtlich angesäuert den Weg zur Weihnachtsfeier antraten. In der Zentrale, wo sich die Defensivkräfte Leon Goretzka und Joshua Kimmich sowie der Freigeist Thomas Müller festgespielt haben, sind dafür nun wieder Ansätze von Kreativität und manchmal auch Anarchie zu finden. Mittlerweile entstehe dort „ein ganz ordentliches Kombinationsspiel“, fand Müller, nachdem es monatelang nur geheißen habe: „Nach außen und Post ab.“
Streng genommen steckt in diesem Lob eine Menge Tadel. Gleichzeitig sind die Bayern emsig bemüht, die dunklen Herbstwochen hinter sich zu lassen, die schwer aufs Gemüt drückten. Als Hasan Salihamidzic auf die jüngste Krise angesprochen wurde, antwortete er: „Welche Krise?“ In jedem zweiten Satz des Sportdirektors tauchte dann die Formel „Das sieht gut aus“ auf. In dieser Ballung wirkte es, als müssten sich die Bayern erst mal wieder Mut zusprechen, damit es anschließend auch irgendwann gegen stärkere Teams wieder mit dem guten, alten Dominanzfußball klappt.
Den verkörpert momentan exklusiv der Rivale aus Dortmund. Niko Kovac’ Devise, man sei „gewillt, bis zum Schluss dran zu bleiben“, deutet nicht auf überschießenden Optimismus hin. Aber mehr als die vage Hoffnung, dass die Borussia irgendwann auch mal schwächelt und man selber „die Gunst der Stunde“ nutzten kann, bleibt dem Trainer bei neun Punkten Rückstand halt nicht. „Man hofft immer, dass der Konkurrent strauchelt“, gestand Thomas Müller. „Aber wenn nichts passiert, hofft man auf nächste Woche.“