BVB vor Herbstmeisterschaft

Stimmung im Gelenkbus

von Redaktion

ANDREAS WERNER

Im nasskalten Schmuddelwetter verblassen die Erinnerungen an den deutschen Jahrhundertsommer. Der Ohrwurm „Bella Ciao“ hallt nicht mehr im Hinterstübchen nach, und von Schwarzwälder Kirschtorte als Eis (wurde zur Sorte des Jahres gekürt) blieb bloß ein vager Hauch von Geschmack. Damals dachte man, der FC Bayern sei auf dem Weg zur siebten Meisterschaft nicht aufzuhalten, die Münchner Bosse belächelten sogar den härtesten Konkurrenten Dortmund: So viele Berater wie beim BVB inzwischen an Bord seien, benötigten die Westfalen bald einen Gelenkbus für ihre Dienstreisen. Argwohn, dass das Dortmunder Allerlei kein zielführender Mix sei, gab es nicht allein in München. Doch die Branche lag da wohl daneben. Dortmund kann nächste Woche Herbstmeister werden. Es ist gute Stimmung im Gelenkbus.

Allerdings geben sie auch beim BVB offen zu, dass es anfangs schwer war, alle hinter einem Steuer zu vereinen. Es gab Ressentiments aus der Vergangenheit zu beenden und Eitelkeiten abzulegen, ein hohes Maß an Kooperationsbereitschaft, Aufgeschlossenheit und Mannschaftsdenken sei unabdingbar gewesen. Man darf sich da nicht täuschen: Hans-Joachim Watzke verkauft sich smart, ist aber schon auch ein eitler Pfau. Doch es gelang, einen Haufen Alphatiere mit ihm auf Linie zu bringen. Und irgendwie geriet selbst Sportdirektor Michael Zorc nicht unter die Räder, obwohl nun ja auch Matthias Sammer und Sebastian Kehl die Vereinspolitik mitbestimmen.

Ob das Dortmunder Modell eine Blaupause etwa für den FC Bayern sein kann, ist ein Gedanke, der gar nicht mal so abwegig erscheint. Fest steht in jedem Fall, dass sich auch die Münchner Chefs neuen Einflüssen öffnen müssen. Grundvoraussetzung ist wie in Dortmund der Wille, das eigene Ego dem Dienst für die Sache zu unterstellen. Wobei der Weg der Borussia nicht das Nonplusultra ist. Es muss nicht unbedingt ein Gelenkbus gefüllt werden.

Die Dortmunder können sich aktuell dafür feiern lassen, alles richtig gemacht zu haben. Ihre Entwicklung ist außerordentlich und dürfte – was das Wichtigste ist – nachhaltig von Bestand sein. Ob es den Bossen der Bayern gefällt oder nicht: So zukunftsorientiert sich der BVB gerade aufstellt, ist er den Münchnern auf Sicht deutlich voraus. Da besteht eine Gefahr, dass nicht nur der Jahrhundertsommer, „Bella Ciao“ und Schwarzwälder Kirschtorteneis als ferne Erinnerungen verblassen. Sondern auch die Zeiten der Münchner Fußball-Vorherrschaft.

andreas.werner@ovb.net

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