Herrsching – Auf einmal glaubten die Außenseiter an sich. Die Brüder Ferdinand und Johannes Tille klatschen energisch mit ihren Händen, David West boxte mit seinen Fäusten durch die Luft, Max Hauser, der Trainer, stieg sogar auf seinen Holzstuhl, um die Fans in der Nikolaushalle anzustacheln. In ihrer Halle wachsen die Herrschinger Volleyballer manchmal über sich hinaus – und in diesem zweiten Satz am Samstagabend glaubten sie, Unterhaching, den Tabellenführer der Bundesliga, überrumpeln zu können. 23:24, Aufschlag Haching. Den Ball schnappte sich Pawel Halaba, ein Pole mit schwarzen, nach oben gegelten Haaren, der höher springen kann als die meisten Spieler der Liga. Er schnaufte einmal durch, dann lief er an – und hämmerte den Ball so fest übers Netz, dass er auf der anderen Seite im Feld aufprallte, ohne von nur einem Herrschinger berührt zu werden. Die Außenseiter schauten sich ratlos an.
In der kleinen Sporthalle in Herrsching sind die Hypo Tirol Alpenvolleys Haching in den vergangenen Jahren oft verzweifelt. Auch am Samstag sprang ihnen hin und wieder ein Ball an die Decke. Es passt aber zum Lauf des Tabellenersten, dass er die WWK Volley Herrsching trotzdem 3:0 (25:19, 25:23, 25:22) besiegte. Und obwohl den Außenseitern im zweiten und dritten Satz nicht viel fehlte, muss man das Verhältnis zwischen Herrsching und Haching, zuletzt immer auf Augenhöhe, spätestens jetzt neu bewerten. Die einen nämlich können jede Mannschaft der Liga ärgern, auch den Meister, die anderen aber können in diesem Jahr vielleicht sogar deutscher Meister werden.
Den Unterschied zwischen dem Ersten und dem Siebten der Bundesliga erklärte Hannes Kronthaler, der Manager der Alpenvolleys, so: „Wir sind ruhig geblieben, haben gespürt, dass wir die Klasse haben, dass wir nicht nervös werden müssen.“ Max Hauser, Herrschings Trainer, sagte: „Da spielen anderthalb Millionen Euro gegen 200 000 Euro, das müssen wir dann auch akzeptieren.“
Im Spiel zeigten sich dann auch die Details, die Haching von Herrsching trennten. Sie fingen beim Zuspiel an, wo der junge Johannes Tille nicht so präzise und schnell spielte wie der Brasilianer Danilo Gelinski. Sie setzten sich bei der Annahme fort, wo auf der Seite Herrschings nur der erfahrene Ferdinand Tille mithalten konnte.
Sehr deutlich offenbarten sich die Details beim Aufschlag, wo Halaba und Hugo De Leon Guimaraes Da Silva mit fast jedem Versuch Chaos erzeugten. Und ganz offensichtlich wurden sie beim Angriff über Außen. Halaba, Da Silva und vor allem der Russe Kirill Klets, mit 20 Punkten MVP des Spiels, flogen immer wieder durch die Luft und schmetterten die Bälle auf den Boden. „Sie haben sehr viele schwierige Bälle angegriffen, die sie alle gemacht haben“, sagte Hauser. „Wir haben oft aus perfekter Position angegriffen, aber nur ganz wenige Punkte gemacht.“ Sein Fazit: „Da war Angriffspower da, die wir nicht haben.“
Immerhin: Den Partypunkt holten sich trotzdem die Herrschinger. Als das Spiel vorbei war, zogen sie nach München weiter, um den 30. Geburtstag ihres Liberos Ferdinand Tille zu feiern. In einer Stunde sei die Niederlage vergessen, sagte Tille. Und Trainer Max Hauser meinte: „Wenn Volleyballer zusammen sind, wird immer über Volleyball geredet. Bis die Freundinnen sagen, dass es reicht.“