Der geniale Tag des Spätstarters

von Redaktion

Der Oberstdorfer Karl Geiger feiert in seinem 107. Weltcup-Skispringen den ersten Sieg

VON CHRISTOPH LEUCHTENBERG

Engelberg – Die Feier im schmucken Engelberger Teamhotel der deutschen Skispringer fiel bescheiden aus. Der frischgebackene Weltcupsieger Karl Geiger hat schließlich in den nächsten Wochen noch Großes vor. Dennoch genoss der Schattenmann der DSV-Adler seinen Flug ins Rampenlicht in vollen Zügen: „Das ist schwer in Worte zu fassen, es war ein genialer Tag“, sagte Geiger, der bei der Nationalhymne im tief verschneiten Stadion einige Tränen verdrückte.

Im 107. Weltcup-Springen seiner Karriere klappte es am Samstag ausgerechnet bei der Generalprobe für die Vierschanzentournee mit dem ersten Sieg. Und damit ist auf einmal der Spätstarter aus dem Allgäu – und keiner der Topstars wie Andreas Wellinger, Richard Freitag und Severin Freund – der große deutsche Hoffnungsträger beim ersten Saisonhöhepunkt, der ausgerechnet in seinem Heimatort Oberstdorf am 29. Dezember beginnt.

„Es ist immer gut, wenn man so kurz vor der Vierschanzentournee weiß, dass man gut in Form ist“, sagte Geiger, dem am Samstag auf der Gross-Titlis-Schanze im zweiten Durchgang den Sprung seines Lebens gelang, der ihn auf die Tagesbestweite von 141,0 m und von Platz 5 ganz nach vorne katapultierte. „Ich habe direkt beim Absprung gemerkt, dass ich diesen Sprung voll erwischt habe“, meinte Geiger.

Dass ihm gestern im zweiten Springen als Vierter beim Sieg des Japaners Ryoyu Kobayashi ganze 50 Zentimeter zum nächsten Podium fehlten, konnte Geigers Freude über ein „grandioses Wochenende“ nicht schmälern. Dabei war der Durchbruch des 25-Jährigen nur eine Frage der Zeit: In allen Saisonspringen landete Geiger unter den Top 10. Wo die Wellingers und Freitags verzweifelt nach Konstanz suchen, ist Geiger diese in Person. Und das kann bei einer Tournee, bei der nach den bisherigen Eindrücken kein Durchmarsch zu erwarten ist, wie er im Vorjahr Kamil Stoch gelang, Gold wert sein.

„Dass ich ganz oben stehen könnte, hätte ich nicht gedacht“, sagte Geiger, der zuvor im Februar 2016 in Lahti als Zweiter seine einzige Podestplatzierung erreicht hatte: „Jetzt weiß ich aber, was möglich ist, wenn alles zusammenpasst.“

Was bei Geiger möglich ist, hatte Bundestrainer Werner Schuster schon vor Saisonbeginn geahnt: „Karl hat nahtlos an Olympia angeknüpft, hat einen richtigen Schub bekommen, nicht nur sportlich, sondern auch persönlich.“ Der Coach hatte Geiger in der Vorsaison gestützt, als es bei diesem sehr mäßig lief, ihn beim Olympia-Teamspringen aufgeboten – was Geiger mit einer ganz starken Leistung zurückzahlte.

Seit dem Silber von Pyeongchang läuft es prächtig, Geigers Karriere nahm rasant an Fahrt auf, nachdem sie bei allem Talent lange vor sich hingeplätschert war. „Bei mir ging es nicht so schnell, ich war nicht mit 17 schon weltklasse – da war ich noch im Deutschland-Pokal unterwegs“, erklärte Geiger: „Da muss man geduldig bleiben.“

Diese Geduld, diese urallgäuer Gelassenheit, sie zahlt sich nun aus. „Toll, dass wir einen neuen Siegspringer haben“, sagte Schuster. Die letzte Siegpremiere eines deutschen Adlers lag schließlich schon fast fünf Jahre zurück: Am 16. Januar 2014 stand der spätere Olympiasieger Wellinger in Wisla erstmals ganz oben auf dem Stockerl.

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