Gröden – Das Unheil kündigte sich an der Einfahrt zu den Kamelbuckeln an. Marc Gisin verkantete und verlor die Kontrolle über die Skier. Ein Sturz war nicht mehr zu vermeiden, „an der ungünstigsten Stelle“, wie der deutsche Abfahrer Andreas Sander später befand. Der Schweizer flog über den ersten Buckel, prallte seitlich auf der Piste auf und rutschte anschließend einige Meter abwärts – sichtlich nicht mehr bei Bewusstsein.
Eine halbe Stunde war die Weltcup-Abfahrt am Samstag in Gröden unterbrochen. Gisin wurde mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus nach Bozen geflogen. Laut Swiss-Ski zog sich der 30-Jährige „mehrere Rippenbrüch auf der rechten Seite“ zu. Daraus resultierten auch „Verletzungen in der Lunge“. Das Becken sei „außer einer leicht eingedrückten Hüftpfanne“ unverletzt geblieben. Zudem erklärte Swiss-Ski: „Glücklicherweise blieb der Rücken bis auf einige nicht gravierende Frakturen an der Wirbelsäule unbeschädigt.“ Gisin wird vorerst weiter auf der Intensivstation des Krankenhauses in Luzern behandelt.
Der schwere Sturz von Gisin entfachte wieder einmal die Diskussion um den Airbag, der seit 2015 vom Internationalen Skiverband bei Weltcup-Rennen zugelassen ist, sich aber im Athletenkreis noch immer nicht durchgesetzt hat. Laut einemSprecher des Herstellers Dainese trägt nicht einmal die Hälfte der Skirennläufer den Rückenschutz mit integriertem Luftpolsterkissen, das sich im Falle eines Sturzes aufbläst.
Zu den Verweigerern gehört bisher auch Gisin, und das, obwohl er schon einige schwere Stürze hinter sich hat, unter anderem 2015 in Kitzbühel, als er über die Hausbergkante flog und auf dem eisigen Hang aufschlug. In der „Neuen Züricher Zeitung“ erschien am Samstag eine Kolumne von Gisin, in der er erklärte, was während eines Sturzes in Kopf und Körper eines Athleten abgeht. „Als Leistungssportler muss man immer und immer wieder an seine Grenzen gehen, um Fortschritte zu machen. Grenzen, die in unserem Fall teilweise auch durch Stürze aufgezeigt werden“, schrieb er. Ähnlich drückte sich am Samstag Josef Ferstl, als Zwölfter bester Deutscher, aus: „Das ist ein Grenzsport. Jeder geht ans Limit, macht die Kanten noch schärfer, fährt noch gerader. Aber deswegen sind wir auch keine Schachspieler.“
Ferstl und Sander (19.) gehörten zu den Airbag-Trägern im Weltcup – im Gegensatz zu den drei Schnellsten am Samstag. „Ich fühle mich in meiner Bewegung eingeschränkt“, gibt der Österreicher Max Franz zu, Zweiter hinter Aleksander Aamodt Kilde aus Norwegen. Der Sieger ist hin und her gerissen. „Wenn er Vorschrift wäre, würde ich ihn tragen“, sagte er. Gisins Mannschaftskollege Beat Feuz, Dritter auf dem Podest, ist „nicht zu 100 Prozent überzeugt, weil es noch zu wenige Daten gibt“.
Vor drei Jahren war der Österreicher Matthias Mayer an fast der gleichen Stelle wie Gisin spektakulär gestürzt und hart mit dem Rücken auf der Piste gelandet. Er brach sich zwei Brustwirbel, aber er selbst und Experten führten es damals auf Mayers Airbag zurück, dass nicht mehr passiert war. Der Super-G-Olympiasieger trug von Anfang an den Rückenschutz, auch am Samstag als er wegrutschte und zu Sturz kam, allerdings harmlos. Der Airbag wurde trotzdem ausgelöst. es