Unter der Haupttribüne des Dortmunder Stadions befindet sich die Ahnengalerie des BVB. Norbert Dickel ist dort verewigt mit einer Szene aus dem Pokalfinale 1989, als er mit frisch operiertem Knie zwei Tore schoss (und sich das Gelenk ruinierte, was ihn schon in jungen Jahren zur Legende machte). Auch Lars Ricken fehlt nicht mit seinem Siegtreffer im Münchner Champions League-Finale. Marco Reus hat es noch nicht so weit geschafft. Aber wenn er seine Karriere beendet hat, wird sehr bald auch für ihn eine Malerkolonne anrücken.
Seit Monaten wird viel gestaunt und noch mehr geschrieben über den Aufschwung der Borussen. Diese Begeisterung haben sie sich verdient, allerdings mutet die Verwandlung des Kapitäns noch märchenhafter an als die des übrigen Teams. Reus war immer ein Ausnahmekönner. Aber einer zu sein, an dem sich alle anderen aufrichten, das ist eine neue Eigenschaft.
Das ist auch so bemerkenswert, weil Reus auf die Rolle des tragischen Helden abonniert schien. Der Mann, der es trotz überschießenden Talents erst auf ein einziges Titelchen bringt, blickt auf eine herzzerreißende Verletzungsgeschichte zurück. Bizarrerweise zog er sich die letzte und schwerste Blessur – Kreuzbandanriss – ausgerechnet in jenem Spiel zu, das mit dem DFB-Pokal-Sieg und seinem persönlichen Karrierehöhepunkt endete.
Als Vorbild für den FC Bayern, wo zuletzt einiges wieder ins Lot gerät, manches aber auch noch im Argen liegt, taugt die Dortmunder Geschichte nur bedingt. Es mag in der Tat beispielhaft sein, wie flott in einer grundrenovierten Mannschaft eine neue Hierarchie eingezogen wurde und wie findig die BVB-Scouts waren, als sie Verstärkung von der Barça-Ersatzbank (Alcacer), der Real-Reserve (Hakimi) und dem fernen Osten (Witsel) ins Revier lockten. Kopieren lässt sich dieses Vorgehen gleichwohl nicht. Dafür sind die Münchner Verhältnisse zu speziell, was sich auch daran zeigt, dass ein unangefochtener Anführer wie Marco Reus im tiefen Süden undenkbar wäre. Dort tummeln sich zu viele Egos, die allesamt die Führungsrolle bei sich in guten Händen wähnen.
Noch ist es für die Dortmunder ein weiter Weg von der Herbstmeisterschaft zum tatsächlichen Titel. So gefestigt, wie die Borussia aber auftritt, ist ihr der Coup locker zuzutrauen. Sie hatte Hindernisse zu überwinden: einen Neuaufbau, die Gewöhnung an einen nicht unkomplizierten Trainer, einen zähen Saisonbeginn. Dass der BVB nun oben steht, oft geprüft und nie besiegt, das hat er einer Menge namhafter Akteure zu verdanken. Am allermeisten aber einem, der sich in der ersten Reihe noch nie wohl gefühlt hat und doch umso mehr dahin gehört.
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