Verunsichert auf der Gran Risa

von Redaktion

Mit der schweren Bürde der Sauerstoff-Affäre fährt Stefan Luitz in Alta Badia nur auf Rang 20

VON ELISABETH SCHLAMMERL

Alta Badia – Der Blick von Stefan Luitz ging ins Leere. Er lehnte an einer Matte im Zielraum und nur ein paar Mal drehte er den Kopf leicht, um zu sehen, was auf der Piste passiert. Dort ging der Weltcup-Riesenslalom von Alta Badia gerade in seine entscheidende Phase. Der 26-Jährige Skirennläufer aus Bolsterlang hatte damit nichts zu tun. Er landete am Ende mit 4,31 Sekunden Rückstand auf den überlegenen Sieger Marcel Hirscher aus Österreich auf dem 20. Platz – nach einem ordentlichen ersten und einem verkorksten zweiten Durchgang.

Erst nach mehrmaligem Drängen war Luitz anschließend bereit, dem Fernsehen Auskunft zu geben. Es sei nicht sein bestes Skifahren gewesen, sagte er im ZDF. „Die Themen, woran es gelegen haben könnte, haben wir jetzt genug diskutiert.“ Kurz danach stapfte der Skirennläufer aus Bolsterlang davon und suchte Trost bei seiner Freundin. Als er dabei fotografierte wurde, verlor Luitz die Contenance und blaffte in Richtung Fotografen.

Es ist keine Überraschung, dass sein Nervenkostüm nicht das stabilste ist. Auf den Allgäuer stürzte nach dem bisher größten Triumph in seiner Karriere, dem Riesenslalom-Sieg in Beaver Creek vor zwei Wochen, einiges auf ihn, wofür er selbst nicht viel kann, außer, dass er den Punkt 2.12 der Anti-Doping-Regeln des Internationalen Skiverbandes FIS nicht kannte. Aber das muss er vielleicht auch nicht, im Gegensatz zu den Verantwortlichen in seinem Umfeld, die die Sauerstoffflasche, aus der Luitz einatmete, bereitstellten. Das verstößt zwar nicht gegen den Code der Welt-Anti-Doping-Agentur, aber gegen die FIS-Regeln. Dies erfuhr Luitz kurz nach seinem Sieg und seither damit zurechtkommen muss, womöglich nachträglich disqualifiziert zu werden. „Klar beschäftigt einen so was“, gibt Luitz zu. „Aber wen würde so etwas nicht beschäftigen?“

Den Deutschen Skiverband erreichte am frühen Donnerstagabend eine Mail, in der die zu erwartende Sanktion ausgesprochen wurde. Luitz hat nun bis zum 26. Dezember Zeit, das Urteil anzunehmen. Falls er es akzeptiert, wird ihm der Sieg aberkannt. Er kann aber auch eine Anhörung fordern, dann ginge die Angelegenheit noch einmal vor das Doping-Panel der FIS. DSV-Alpinchef Wolfgang Maier stört sich in erster Linie daran, dass die Angelegenheit mit Doping in Verbindung gebracht wird. Das Wort Doping müsse rausgenommen werden, sagte er, „sonst gehe ich bis zum CAS“, dem Internationalen Sportgerichtshof. FIS-Generalsekretärin Sarah Lewis bestätigte mündlich, dass es sich um kein Dopingvergehen handelt, sondern um einen „Verstoß gegen das Reglement“, allerdings – und das ist ein befremdlicher Punkt – ist das Sauerstoffverbot in den Anti-Doping-Regeln verankert.

Für Verwirrung sorgt außerdem, dass sich die FIS auf der ersten Seite ihrer Anti-Doping-Regeln auf die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA bezieht, in Punkt 2.12 davon jedoch abweicht. Maier hatte in Beaver Creek deshalb extra bei einem dem FIS-Medizin-Komitee angehörenden Arzt nachgefragt – und die Auskunft bekommen, dass der WADA-Code greife. „Niemand hatte den Punkte 2.12 auf dem Schirm“, sagte Maier. „Das heißt aber natürlich nicht, dass wir keinen Fehler gemacht haben.“

Luitz ahnte bereits am Samstagabend, dass es nicht so leicht werden würde, sich alleine aufs Skifahren zu fokussieren. Als er bei der Startnummernauslosung die 1 zog, war die Erinnerung an das Jahr zuvor zurück. Da hatte er ebenfalls das Rennen in Alta Badia eröffnet, aber nur vier Tore später waren der Riesenslalom auf der Gran Risa und die gesamte Saison für ihn beendet – wegen eines Kreuzbandrisses. „Es ist einfach brutal schwer, das alles auszublenden“, gab Luitz zu. „Dann fährt vielleicht ein bisschen die Vorsicht mit.“ Und eine gehörige Portion Verunsicherung.

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