Baden-Baden – Gerührt wischte sich Kristina Vogel die Tränen aus den Augen. Dass Wimbledonsiegerin Angelique Kerber und die gesamte deutsche Sportelite ihre Bewunderung darüber ausdrückten, wie bemerkenswert sie mit ihrem Schicksal im Rollstuhl umgeht, hatte die ehemalige Ausnahme-Bahnradsportlerin ergriffen. Auch bei der Gala für die „Sportler des Jahres“ beeindruckte die 28-Jährige mit ihrem Lebensmut und ihrem Optimismus trotz ihres tragischen Unfalls und wurde als Zweitplatzierte wie eine Siegerin gefeiert.
„Ich denke, heute gehört dir die Bühne. Du bist ein Vorbild für so viele Menschen. Ich ziehe wirklich alle meine Hüte, Respekt vor deiner Leistung. Du bist eine Inspiration für uns alle“, sagte Kerber, die „Sportlerin des Jahres“ 2018, am Sonntagabend in Baden-Baden.
Die elfmalige Weltmeisterin und Doppel-Olympiasiegerin Vogel war eigentlich schon glücklich gewesen, fit genug für den Besuch des Kurhauses und den Gala-Abend zu sein. Nur knapp hinter Kerber schnitt die Erfurterin dann bei der Wahl unter Sportjournalisten als Zweite ab, und wurde mit dem Preis für „Vorbilder im Sport“ ausgezeichnet. Ringer Frank Stäbler, Kombinierer Eric Frenzel und Radkollege Maximilian Levy trugen sie auf die Bühne. „Man wird ja nicht so oft auf Händen getragen von Männern“, scherzte Vogel und meinte zum Zuspruch später ernsthaft: „Es ist schön, dass mit mir auch die Sportfamilie ein Stück weit zusammengerückt ist.“
Vogel hadert nicht mit ihrem neuen Leben als Querschnittsgelähmte, zu dem sie der Zusammenprall auf der Radrennbahn in Cottbus am 26. Juni gezwungen hat. Sie sagt stattdessen Sätze wie: „Ich bin immer noch ich, nur eben anders.“ Sie freut sich über die Aufmerksamkeit und schmiedet neue Pläne. „Ich habe nach 18 Jahren Leistungssport erstmals die Chance, durchzuatmen und mir keinen Druck zu machen“, sagte sie, „das probiere ich so lange es geht beizubehalten.“ Triathlet Lange meinte: „Es kann gar nicht genug hervorgehoben werden, was Kristina Vogel für den Sport geleistet hat und was für ein unglaubliches Vorbild sie ist. Das gehört heute Abend, glaube ich, an erste Stelle.“
Auch der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Alfons Hörmann, zeigte sich beeindruckt: „Es ist unglaublich, mit welcher inneren Stärke sie an die neuen Dinge herangeht. Es ist schönes Symbol dafür, wie solche Topsportler lernen, immer wieder aus dem Modus Niederlage relativ schnell umzuschalten.“
Kerber fliegt nun am zweiten Weihnachtstag für die ersten Turniere des Jahres nach Australien und hat sich den French-Open-Titel als ehrgeiziges Ziel gesetzt. Und während Lange dafür trainiert, zum dritten Mal nacheinander auf Hawaii zu triumphieren und die als Mannschaft des Jahres geehrten Eishockey-Profis nach ihren Spielen am Sonntag teils am heutigen Dienstag schon wieder ran müssen, realisiert Vogel die „Maschinerie“ des Sports. Ihr neues Leben zwingt sie, zunächst langsamer zu machen. Dennoch hat sie sich unter anderem schon einen Tandem-Fallschirmsprung vorgenommen: „Ich war vorher verrückt und bin es jetzt auch“, sagte Vogel und richtete sich an ihre Eltern und an ihren Lebensgefährten: „Also Mama, Papa und Michael – es wird sich nicht viel ändern.“
Vogel: „Ich bin immer noch ich, nur eben anders.“