Chance und Risiko

von Redaktion

Die Bayern wirken vor dem Spiel gegen Leipzig gefestigt, doch Zweifel bleiben

VON MARC BEYER

München – Wie immer um diese Zeit hat der FC Bayern ein üppiges Programm zusammengestellt. Die Lightshow kennt man schon aus den letzten Jahren, die Grußbotschaften der Spieler, von Französisch über Spanisch bis Niederländisch, sind ebenfalls guter Brauch, und dann wird auch noch Jonas Kaufmann, der Tenor, nach dem Spiel auftreten. Weihnachten folgt in der Arena einer festen Choreographie.

Auch ein Videojahresrückblick gehört natürlich dazu, und so wird die rote Gemeinde noch einmal die Höhepunkte der 28. Meisterschaft erleben mit Jupp Heynckes mittendrin. Dieser finale Programmpunkt nach dem Abpfiff des letzten Heimspiels des Jahres gegen RB Leipzig hätte ein Drahtseilakt werden können angesichts von neun Punkten Rückstand auf Tabellenführer Dortmund (vor dessen gestrigem Spiel in Düsseldorf). Doch mit den Siegen der vergangenen Wochen – und den zuletzt tatsächlich wieder sehr ansehnlichen Leistungen – haben es die Bayern geschafft, wieder ein bisschen zur alten Balance zu finden.

Zumindest national haben sie dabei von einem durchaus gnädigen Programm profitiert. Weder Bremen noch Nürnberg oder Hannover konnten dem Rekordmeister ernsthaft gefährlich werden. Der Besuch der Sachsen, die bloß zwei Punkte zurückliegen, stellt nun eine andere Herausforderung dar. Sie wollen es diesmal besser machen als in den letzten Jahren, als sie ebenfalls voller Hoffnung anreisten, den Bayern aber nie gefährlich werden konnte, was nicht zuletzt an jeweils frühen Platzverweisen gegen RB-Spieler lag. Nationalstürmer Timo Werner fände es da schon „ganz schön, wenn wir die Partie mal mit elf Leuten beenden könnten“.

Auf den letzten Metern der Hinrunde bietet sich den Bayern die Möglichkeit, den Gesamteindruck der Halbrunde ein bisschen zu ihren Gunsten zu verschieben. Die beiden vor ihnen postierten Teams, Dortmund und Mönchengladbach, treffen am Freitag aufeinander. Im besten Fall ließe sich noch etwas Boden gutmachen, allerdings ist das eigene Restprogramm mit dem Leipzig-Spiel und dem Besuch bei Eintracht Frankfurt ebenfalls anspruchsvoll. Es kann viel passieren. In beide Richtungen.

Das ist die Ausgangsposition heute Abend. Die Partie ist Chance und Risiko zugleich. Die Bayern wirken wieder so gefestigt, dass ihnen einiges zuzutrauen ist, sogar dass sie RB daheim ähnlich dominieren wie in den vergangenen Jahren. Vollständig haben sie sich allerdings nicht von den Zweifeln befreit, ob Balance und Stabilität gegen eine schnell, direkt und aggressiv agierende Mannschaft Bestand haben, die in der Offensive mit viel individueller Klasse bestückt ist.

Die jüngsten Auftritte der Stürmer Werner und Poulsen beinhalteten viel von dem, was eine Mannschaft zeigen muss, wenn sie Bayern wehtun will. „Wir müssen versuchen, Leipzigs Stärken zu eliminieren“, kündigt Trainer Niko Kovac an. Laufduelle der RB-Spitzen mit den Innenverteidigern Süle, Boateng oder Hummels will er durch frühes Attackieren, geschickte Aufteilung der Räume und die Unterstützung durch die Mitspieler möglichst vermeiden: „Wenn wir das schaffen, sind die Chancen sehr groß, dass wir gewinnen.“

Es sind noch mal spannende Tage für die Bayern, bevor es in die knapp zweiwöchigen Ferien geht. Eben erst die Auslosung des Champions League-Achtelfinales mit der Partie gegen den FC Liverpool, was Kovac „ein vorweggenommenes Halbfinale“ nennt. Nun der Besuch der Leipziger, die in ihrer grundsätzlichen Ausrichtung dem Gegner von der Insel nicht unähnlich sind: „Leipzig hat auf jeden Fall die selben Grundideen, schnelles Umschalten, tolle Fußballer.“ Er will die Sachsen aber auch nicht größer machen, als sie sind. Schließlich handle es sich bei Liverpool um „eine Weltklasse-Mannschaft“, präzisiert er ausdrücklich, während RB – auch wenn er das so offen nicht sagt – zuletzt schon bei Gegnern wie Wolfsburg und Freiburg unterlegen war. Das altbekannte Gefühl Münchner Überlegenheit stellt sich allmählich wieder ein. Sie sollten heute Abend aber unbedingt Taten folgen lassen. Sonst wird es am Ende nicht sehr besinnlich.

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