Frankfurt – In diesen Tagen verging in Frankfurt kaum eine Weihnachtsfeier, bei der nicht irgendwann die Entwicklung bei Eintracht Frankfurt zur Sprache kam. Und besonders beneidet werden diejenigen, die sich als langjähriger Dauerkarteninhaber oder glücklicher Besitzer eines Tickets für das Topspiel gegen den FC Bayern ausgeben. In vielen Großraumbüros ist die Entwicklung der längst nicht mehr launischen Diva vom Main zu einem Spitzenteam von internationalem Format – davon zeugen zumindest sechs Siege in der Europa League – ohnehin ein Thema mit fast täglicher Wiedervorlage. Und gebe es eine bessere Möglichkeit, als die neue Stärke nun zum Kehraus der Hinrunde im Duell Pokalsieger gegen Meister zu beweisen?
Der neue Frankfurter Trainer Adi Hütter gegen seinen in München tätigen Vorgänger Niko Kovac, der im Frühjahr unter unschönen Begleitumständen den Abflug machte. Dessen „Stand-jetzt“-Formulierung hat in der Bankenstadt seitdem Hochkonjunktur. Dass dem Bayern-Trainer niemand eine Träne nachweint, hat indes damit zu tun, dass der Nachfolger zwar ein bisschen gebraucht hat, um in die Fußstapfen des Vorgängers zu treten, seitdem aber mit Siebenmeilenstiefeln unterwegs ist. Aus den anfänglichen Zweifeln – manifestiert durch eine 0:5-Abreibung im Supercup Anfang August gegen den FC Bayern – ist pralles Selbstbewusstsein geworden. „Am Anfang haben wir so richtig einen auf den Deckel bekommen“, weiß Hütter, der jedoch bald den richtigen Erfolgsmix hinbekam. Nach der ersten Pflichtspielniederlage hat die Eintracht sich unter demselben Fußballlehrer komplett gehäutet.
Der zuvor erfolgreich bei Young Boys Bern arbeitende Vorarlberger ist eben kein beratungsresistenter Dogmatiker, sondern hat sich als wissbegieriger Pragmatiker geoutet. Hinten übernahm er bald die Ausrichtung unter Kovac mit Dreierkette, vorne setzte er seine Anschauungen um. Credo: „Ich möchte attraktiven und begeisternden Fußball spielen lassen.“ Wenn der 48-Jährige sagt, er glaube, dass es seinen Jungs gut tue, „wie wir jetzt spielen“, dann sind zuvorderst Luka Jovic, Sebastien Haller und Ante Rebic gemeint, die 26 der 34 Bundesliga-Tore erzielt haben. Mit dieser tor- wie trickreichen Combo halten es viele für möglich, den Bajuwaren mal wieder die Lederhosen ausziehen, wie das früher in den 70er und 80er Jahren im Frankfurter Stadtwald alltäglich war. Das aktuelle Ensemble bietet seit Wochen so gute Unterhaltung an, dass manch einer sich an die stürmischen Zeiten erinnert, in denen Anthony Yeboah, Uwe Bein oder Andreas Möller in den 90er Jahren den Fußball 2000 zelebrierten.
„Unser Spiel ist risikoreicher geworden. Letztes Jahr war unser Aushängeschild, dass wir oft zu null gespielt haben. Jetzt zeigen wir in der Offensive eine größere Entschlossenheit“, erklärt Rechtsverteidiger Danny Da Costa, der nicht der einzige Adlerträger ist, dem förmlich Flügel gewachsen sind. Hütter weiß, was er kann – und mittlerweile artikuliert er das auch: „Ich bin mit 400 Pflichtspielen und 32 internationalen Partien hierher gekommen – das können meiner Meinung nach nicht so viele vorweisen.“
Zurückhaltung war gestern. Seine im Eiltempo weiterentwickelte Mannschaft unternimmt beinahe im Drei-Vier-Tage-Rhythmus eine wilde Fahrt, von der noch niemand weiß, wo sie mal endet. Die Spieler müssen dafür an ihre körperlichen Grenzen gehen. Aber der Trainer glaubt ja auch: „Wir haben nicht nur gute Fußballer, sondern auch richtig gute Athleten.“ In der Mannschaftsführung hält Hütter die Zügel genau wie Kovac fest in der Hand. Der Familienvater setzt auf klare Ansagen, ohne den Menschen hinter den Spielern zu vergessen.
„Spieler mögen nicht, wenn man sie vertröstet und sie hinhält. Ich muss als Trainer von hinten antreiben, muss versuchen, die Jungs zu pushen. Aber im Rahmen, ich würde niemals wie ein Hampelmann an der Seitenauslinie rumturnen.“ Seine Spieler sind für den letzten Kraftakt des Jahres genau wie die Fans längst elektrisiert. „Das ist unser Weihnachtsspiel“, erklärt der Schweizer Dauerläufer Gelson Fernandes. Kräfte sammeln, mit der Familie zusammenkommen – das billigt Hütter auch sich selbst erst ab Heiligabend zu, wenn er in seiner Heimat „vieles reflektieren“ möchte. Eines kann er bereits versprechen: „Am 3. Jänner komme ich voller Motivation wieder nach Frankfurt.“