Jeden Tag ein bisschen lernen

von Redaktion

Im August kehrte Niko Kovac im Supercup zum ersten Mal als Trainer des FC Bayern nach Frankfurt zurück. Vier Monate nach dem 5:0-Sieg wird es nun zum ersten Mal ernst. Kovac hat eine schwierige Zeit hinter sich. Und er musste sich umstellen.

VON MARC BEYER

München – Er betritt den Raum fast auf die Minute pünktlich, steigt mit federnden Schritten aufs Podium und brummt ein „Herzlich Willkommen“ in die Runde. Niko Kovac hat keine einfachen Monate hinter sich. Er hat offene Kritik einstecken müssen und manchmal auch versteckte. Auf eines aber war immer Verlass: Sein Auftreten in der Öffentlichkeit hat sogar in stürmischsten Zeiten nie den geringsten Anlass zum Tadel gegeben.

Selbst als er Mitte November, in seiner schwierigsten Phase als Trainer des FC Bayern, Fragen beantworten musste wie jene, ob er am Ende der Woche noch seinen Job habe, wahrte Kovac die Fassung. Das sei eine harte erste Frage für eine Pressekonferenz, entgegnete er. Überrascht, aber nicht unfreundlich. Als damals Oliver Kahn auf die heikle Gesamtsituation angesprochen wurde, lachte er sein keckerndes Lachen und erwiderte sinngemäß, bei den Bayern müsse man mehr aushalten als anderswo. Pressekonferenzen mit Kovac waren der Beweis.

Wenn er am Samstag mit der Partie bei seinem Ex-Club Eintracht Frankfurt die Hinrunde abschließt, hat er ein forderndes Halbjahr hinter sich, aber auch Nehmerqualitäten bewiesen. Inzwischen, nach mehreren Siegen und kurz vor Weihnachten, ist der Druck wieder auf ein vergleichsweise moderates Niveau gesunken. Doch dass Kovac (47) innerlich genauso gefasst wäre wie äußerlich, kann man nicht behaupten. Schön zu sehen war das am Mittwoch beim 1:0 über RB Leipzig, als der Trainer den späten Siegtreffer mit dem emotionalsten Ausbruch seiner Amtszeit quittierte.

Es ist immer noch vieles in der Schwebe bei den Bayern, die im Sommer auf dem Trainerposten ein Risiko eingingen, im Kader dagegen nur wenig veränderten. Die Folgen beschäftigen den Club bis heute. Eine Weile schien es, als halte das Team Gericht über den Trainer und müsse sich erst ein Urteil bilden über dessen Bayern-Tauglichkeit. Einer, der sämtliche Schwingungen mitbekommen hat, sagt, ausgerechnet Kovac’ menschliche Seite sei ihm vorgehalten worden. Zu smart und zu soft habe er die Mannschaft führen wollen, während die sich eine konsequentere Führung gewünscht habe.

Die hat sie bekommen, wenn auch mit Verzögerung. Kovac sagt heute, er habe in München einige Dinge gelernt, „die ich in Frankfurt vielleicht so nicht hatte“, gerade im Umgang mit großen Namen und großen Egos. Es brauchte mehrere Monate, etliche Rotationen und diverse Konflikte, bis er so etwas wie eine eigene Linie gefunden hatte. Er teilt sein Engagement auf in drei Phasen: den geschmeidigen Auftakt, den zähen Herbst und den jüngsten Aufschwung. In Phase zwei habe er „punktuelle Nadelstiche“ setzen müssen, das zahle sich nun aus. Heute vertraut er weitgehend derselben Aufstellung, und wenn er über die Männer aus der zweiten Reihe spricht, klingt er distanzierter als früher, wo jeder irgendwie auf dem Sprung ins Team war oder gerade wieder hinaus.

Nach München gekommen ist Niko Kovac mit dem Ruf, zwar die nötige Autorität zu besitzen und die nicht unkomplizierte Eintracht-Mannschaft sicher im Griff gehabt zu haben. Aber er galt gleichzeitig als Freund der Spieler, als einer, der umarmt, mit Lob großzügig umgeht und die Reservisten mit dem beliebten Kompliment streichelt, sie seien „gute Jungs“ und nah an der Startelf. So ähnlich hat er es anfangs bei den Bayern versucht, aber irgendwann stieß das Modell an seine Grenzen. „Wenn man mit offenen Augen durchs Leben geht“, sagt Kovac, „dann lernt man täglich.“ Und schließlich hatte er seine Lektion für den Umgang mit einem anspruchsvollen Kader verinnerlicht.

Respekt, das ist auch heute noch so, ist ein wichtiges Motiv für Kovac, der für sein Verhalten in der Relegation 2016 den Fair-Play-Preis des DOSB erhielt. Bei den Bayern hat er schon viele Spieler zu guten Jungs erklärt, jeder war ganz nah dran – bis Ende November. Heute ist Javi Martinez plötzlich unendlich weit weg, Mats Hummels spielt zwar gelegentlich, wirkt aber seit Wochen unzufrieden, und wie James Rodríguez über die neuen Verhältnisse denkt, wird man nach seiner Rückkehr aus Kolumbien erfahren. Dort ließ die derzeit verletzte Leihgabe von Real Madrid soeben wissen, wenn er weiterhin so wenig Einsatzzeit bekomme, „dann werde ich gehen“. Beeindrucken dürfte er seinen Trainer damit nicht. Dafür ist die Liste der Eskapaden zu lang, gipfelnd in einem spitzen Kommentar, der aus der Kabine kolportiert wurde: „Wir sind hier nicht in Frankfurt.“

Es wird spannend bleiben. Die Bayern mögen sich gefangen haben, aber spielerisch lag gerade gegen Leipzig viel im Argen. Die Prüfungen werden nicht leichter werden, ob im Frühjahr in den Duellen mit dem FC Liverpool oder schon am Samstag in Frankfurt. Kovac schwärmt von der „besonderen Verbindung“ zur Eintracht. Was auch immer passiert, für ihn wird sich der Besuch lohnen.

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