SPIELANALYSE

Zeitkiller Einwurf

von Redaktion

Wir schauen Fußball seit Jahrzehnten. Aber wie genau blicken wir hin? Die Idee war: einmal ganz genau.

Versuch des Autors dieser Zeilen also: Beim Bundesligaspiel des FC Augsburg gegen Mönchengladbach zu Beginn der Saison jede Aktion zu notieren, die den Spielfluss unterbricht. In den ersten zwei Minuten landete der Ball schon viermal im Aus, und eigentlich ging es ständig so weiter. Nach einer Halbzeit standen auf dem Zettel: 57 Unterbrechungen. Oft lagen nur ein paar Sekunden zwischen ihnen. Grausam, es verleidete einem die Freude an einem Match, das von den Fachleuten als eines der besseren Sorte bezeichnet wurde (es endete 1:1). Die zweite Halbzeit wurde nichts mehr aufgeschrieben, es wäre sonst unerträglicher gewesen.

Was bleibt von offiziell 90 Minuten übrig? Bei der WM 2018 präsentierte die FIFA als Mittelwert, dass pro Match für 39:50 Minuten der Ball „not in play“, nicht im Spiel, gewesen war. Tatsächliche Spielzeit somit nur etwas über 50 Minuten. Den Trend bestätigt auch der Statistik-Anbieter „Statsbomb“, der über den Zeitraum 2010 bis 2016 Bundesliga, Premier League, Primera Division/La Liga, Ligue 1 und Serie A analysierte: 52 bis 57 Minuten betrug die tatsächliche Spielzeit. Extreme wurden in England registriert: 44 bis 64 Minuten.

Ein Zeitfresser ist der Einwurf. Mitgestoppt haben in der Premier League die Leute von Statsbomb bei Swansea City. Eine Partie gegen Crystal Palace 2016 erfuhr 112 Unterbrechungen: 34 Einwürfe (Schnitt: 16,4 Sekunden Pause), 16 Ecken (25,3 Sekunden), 15 Torschüsse, die ins Aus gingen (29,7 Sekunden), 37 Freistöße (31,6 Sekunden), 9 Tore (61,2 Sekunden), eine Verletzungsbehandlung, die 231 Sekunden dauerte.

Wieder diskutiert wird das Thema Nettospielzeit wie im Handball, Eishockey. „Nach meinem Eindruck ist die Forderung lauter geworden“, so Schiedsrichter-Experte Alexander Feuerherdt. Sogar die internationale Regelkommission IFAB denkt darüber nach.

Aber, so gibt Feuerherdt zu bedenken: Wie wäre es im Amateurfußball, an der Basis? Müsste dann jeder Verein noch einen Zeitnehmer bereitstellen? Könnte es noch feste Anstoßzeiten geben, wenn auf einem Platz an einem Nachmittag drei, vier Spiele nacheinander stattfinden müssten? „Die kämen total ins Schwimmen.“ GÜNTER KLEIN

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