Deutscher Eiskunstlauf vor schwierigen Zeiten

von Redaktion

Stuttgart – Sonntagmorgen um acht gab sich Aljona Savchenko in der Eishalle auf der Waldau die Ehre, doch sie trug kein Glitzerkostüm und hatte ihren Partner Bruno Massot nicht dabei. Im Februar hatten die beiden mit einem traumschönen Auftritt Olympia-Gold im Paarlauf gewonnen; ein Ereignis, das auch außerhalb der Welt des Eiskunstlaufs viele Menschen berührte. Offiziell sind sie noch nicht zurückgetreten, aber sie sind bei Schaulaufen und Revueauftritten aktiver denn je und bemerkenswert gut in Form. Es gibt nicht die Schneeflocke eines Zweifels, dass sie mit riesengroßem Vorsprung am Wochenende bei den nationalen Meisterschaften in Stuttgart den Titel gewonnen hätten, doch der deutsche Eiskunstlauf muss jetzt ohne das Goldpaar auskommen.

Savchenko war kurz auf der Waldau, um einen Teil der Prüfung für den B-Trainerschein abzulegen. Sie bestand. Ob sich Ähnliches am Ende des Winters, nach der EM in Minsk und der WM Ende März in Saitama/Japan über den deutschen Eiskunstlauf sagen lassen wird? Warten wir‘s mal ab, doch gemessen an der Einschätzung des langjährigen Sportdirektors des Verbandes, Udo Dönsdorf, könnte es in den nächsten Jahren schwierig werden. „Wir stehen vor großen Herausforderungen“, sagt er – und das ist eher eine freundliche Untertreibung.

Nach den Sternstunden von Savchenko/Massot, den Olympiasiegern und Weltmeistern, geht die Geschichte jetzt auf einer weniger beleuchteten Ebene weiter. Dem Verband selbst steht eine strukturelle Erneuerung bevor. Künftig wird es einen hauptamtlichen Vorstand geben. Dönsdorfs ohnehin schon verlängerter Vertrag läuft zudem nur noch ein Jahr, die DEU muss sich also auch für eine neuen Sportdirektor entscheiden – oder eine Direktorin.

Ein Blick auf die Teilnehmerfelder der Stuttgarter Meisterschaft zeigt, dass der Nachwuchs nicht gerade in Scharen nach vorn drängt. Sieben Läuferinnen bewarben sich um den Titel bei den Frauen, sogar nur vier Läufer bei den Männern. Der Berliner Paul Fentz verteidigte seinen Meistertitel nahezu außer Konkurrenz mit einem Vorsprung von mehr als 30 Punkten, ohne dabei zu überzeugen.

Enger war der Zweikampf zwischen der alten und neuen Meisterin, Nicole Schott (Essen), und der Zweiten, Nathalie Weinzierl (Mannheim). Nach einer von Verletzungen und Veränderungen geprägten Vorbereitungszeit – Weinzierl hatte sich erst vor kurzem zu einem Trainerwechsel entschieden – liefen beide in Stuttgart noch nicht in bester Form. Zur Europameisterschaft nach Minsk Ende Januar darf die DEU zwei Läuferinnen schicken, zur WM dann nur eine.

Bei den Paaren sieht die Lage, dank der grandiosen Vorarbeit und Vorlage von Savchenko/Massot besser aus; für die neuen Meister, Hase/Seegert, und für die Zweiten, Hocke/Blommaert, gibt es sowohl in Minsk als auch in Saitama einen Startplatz.

Wie es um den Nachwuchs bei den Jüngsten bestellt ist? Eine Familientradition scheint jedenfalls zu Ende zu gehen. Emil Liebers, der vier Jahre alte Sohn des sechsmaligen Deutschen Meisters und Olympia-Achten in Sotschi, Peter Liebers, und Enkel des früheren Berliner Läufers Mario Liebers, war dabei, als sein Vater bei den Meisterschaften offiziell vom Verband verabschiedet wurde. Natürlich hat er die ersten Versuche auf dem Eis schon hinter sich, aber der junge Mann hat anderes im Sinn; er will Eishockey spielen. DORIS HENKEL

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