Gefährliche Glücksgefühle

von Redaktion

Der TSV 1860 besiegt Kaiserslautern in Überzahl – doch spielerisch geht wenig

VON CHRISTOPHER MELTZER

München – Als Quirin Moll auf den Bauch fiel, bebte das Stadion. Die Fans in der Westkurve hüpften im Regen, in den sich in diesem Moment auch Bier mischte. Auf dem Rasen rappelte sich Moll, der Fußballer, auf, rannte los, sprang über die Bande, zum Zaun der Westkurve, wo die Fans schon an den Gitterstangen rüttelten. Sie jubelten Moll zu, der ein paar Sekunden zuvor bei einem Freistoß in den Strafraum geschlichen war, um den Ball mit dem Kopf über die Torlinie zu drücken – zum 2:1 für den TSV 1860, in der 85. Spielminute. Später sagte er in der Mixed-Zone: „Es tut brutal gut, mit so einem Gefühl in die Winterpause zu gehen.“

Die Gefühlswelt in Giesing, das war an diesem Samstag im Grünwalder Stadion nicht zu übersehen, blühte mal wieder. Im letzten Spiel des Jahres besiegten die Löwen den 1. FC Kaiserslautern 2:1 (0:0), in der Tabelle der 3. Liga sind sie Neunter, mit fünf Punkten Vorsprung auf die Abstiegszone. In der Halbzeitpause verabschiedete sich der Verein emotional von Christl Estermann, der legendären Chefin des Löwenstüberls (siehe Bild unten), nach dem Spiel kletterten die Profis auf den Zaun, um mit den Fans zu singen. Hinterher gab Efkan Bekiroglu, der Torschütze zum 1:0, zu, dass bei ihm eine Last abgefallen sei. Mit einem Glücksgefühl sind die 1860-Fußballer in die Winterpause verschwunden. Doch gerade nach diesem knappen Sieg drängt sich die Frage: Täuscht das gute Gefühl?

Und damit in die 45. Minute: Obwohl er wusste, dass er schon Gelb hat, zupfte Kaiserslauterns Janek Sternberg so dämlich an Stefan Lex’ Trikot, dass dem Schiedsrichter gar nichts anderes übrig blieb, als Sternberg mit Gelb-Rot zu bestrafen. Die nächsten 45 Minuten spielten die Löwen in Überzahl. Sie erzielten zwei Tore (Bekiroglu mit einem Schuss aus 20 Metern, Moll mit einem Kopfball aus fünf Metern), das war’s dann aber auch. Zwischenzeitlich mussten sie den Ausgleich hinnehmen, danach war Kaiserslautern sogar „ganz nah dran am 2:1“, wie Trainer Sascha Hildmann anmerkte. Das Angriffsspiel erlahmte, spielerisch enttäuschte Sechzig. „Der Gegner stellt sich tiefer hinten rein“, sagte Moll, „dann wird’s immer schwieriger, die Räume werden enger. Wir können es optimaler herausspielen.“ Mit dieser Analyse hat Moll unfrewillig das Problem zusammengefasst, das den TSV 1860 in dieser Saison begleitet: Der Mannschaft fehlen die Ideen, um die Gegner zu knacken – selbst mit einem Mann mehr.

Daniel Bierofka, der Löwen-Trainer, lobte das Überzahlspiel („über die Flügel gekommen“, „herausgelöst und Räume geschaffen“). Er sagte aber auch: „Wir haben das Glück auf unsere Seite gezogen.“ Es scheint daher nicht zu mutig, zu behaupten: Das Glücksgefühl in Giesing steht auf einem wackeligen Fundament.

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