München – Kurz vor den Weihnachtstagen hat Bundestrainer Werner Schuster seine deutschen Skispringer nach Norwegen gebeten. Auf der Olympiaschanze von Lillehammer feilten die DSV-Adler noch einmal an ihrer Form. Was herauskam, hat den 49-Jährigen mit Blick auf das erste Saison-Highlight Vierschanzentournee zufriedengestellt. „Wir stellen nicht den Topfavoriten“, sagte Schuster, „aber wir haben ein paar Springer in guter Position.“ Vor allem bei zweien von Schusters sieben Auserwählten ist die Vorfreude groß.
Karl Geiger
106 Anläufe hat der Oberstdorfer gebraucht – im 107. stand er dann zum ersten Mal in seiner Karriere ganz oben. „Jetzt hat sich gezeigt, dass ich sogar ganz vorne landen kann, wenn alles zusammenpasst“, sagte er. Und der Aha-Effekt kam ausgerechnet bei der ersten Tournee-Generalprobe in Engelberg. Doch trotz der Plätze eins und vier in der Schweiz („Das Wochenende war der Hammer“) blickt der Weltcup-Vierte dem Auftakt ausgerechnet auf seiner Heimschanze entspannt entgegen: „Familie, Freunde und Bekannte unter den Zuschauern zu wissen, ist ein tolles Gefühl und sorgt für gute Laune.“
Stephan Leyhe
Der Sauerländer ist ja schon seit Längerem so etwas wie der Mr. Zuverlässig im deutschen Team. In diesem Jahr hat er sein Niveau noch einmal angehoben. In sieben Springen stand er bislang viermal in den Top-10. Das Resultat: „Selten hat mir das Skispringen so viel Spaß gemacht wie in den letzten Monaten“, sagte er. Und es könnte noch besser kommen: Leyhe ist so etwas wie ein Tournee-Spezialist: „Meine besten Wettkämpfe habe ich meist dort abgeliefert“, sagte er, „die Schanzen liegen mir alle.“
Andreas Wellinger
Platz zwei in Ruka – doch dann kam nicht mehr viel, was dem Anspruch des Olympiasiegers gerecht geworden wäre. Speziell für den 23-jährigen Münchner war der Trainingstrip nach Lillehammer ein Segen. „Ich konnte in Norwegen strukturiert und effektiv an meiner Technik arbeiten“, berichtete er. Die Fehler konnte Wellinger noch nicht ganz ausmerzen. Doch das Grundniveau hält er nun für höher als in der bisherigen Saisonphase. Es könnte sich auszahlen, immerhin ist der gebürtige Ruhpoldinger der Spezialist für Großereignisse. Und ein viel größeres Ereignis als vor allem den Auftakt in Oberstdorf kennt er nicht: „Das ist eines der größten Erlebnisse, die du als Skispringer haben kannst.“
Richard Freitag
Er startete als deutsche Nummer eins in den Winter. Doch erst kam der Wahl-Oberstdorfer nicht in Tritt – und als es dann doch aufwärtsging, legte ihn ein Landefehler in Engelberg zeitweilig lahm. Statt Training stand bei ihm Therapie auf dem Programm. Bis Teamarzt Mark Dorfmüller letztlich grünes Licht gab. Freitag kann bei der Tournee starten. Dass er es ohne vorangegangene Trainingsphase tun muss, stört den deutschen Topflieger des Vorjahrs selbst vergleichsweise wenig. „Vergangenes Jahr vor der Skiflug-WM war ich in einer ähnlichen Situation“, sagte Freitag, „am Ende hatte ich eine Medaille um den Hals baumeln.“
Markus Eisenbichler
Vor zwei Jahren war Markus Eisenbichler die deutsche Nummer eins bei der Tournee – von dieser Rolle war der Siegsdorfer in dieser Saison weit entfernt. „Zäh“, fand er das selbst. Doch im vorweihnachtlichen Engelberg flog er bis auf Platz sechs. „Das war die Bestätigung, dass ich meine Sprünge auch im Wettkampf abrufen kann“, sagte er. Das Trainingslager in Norwegen könnte ihm nun zu einer stabileren Form verholfen haben – glaubt Eisenbichler: „Ich denke, ich bin jetzt bei den Leuten.“
Severin Freund
Der Weg zurück nach zwei Kreuzbandrissen ist entsprechend steinig. Den stoischen Niederbayern Severin Freund kann das nicht beunruhigen: „Dass ich nach zwei Jahren Verletzungspause nicht durch die Konkurrenz marschiere wie das heiße Messer durch die Butter, war abzusehen.“ Auch wenn die Formkurve langsam nach oben geht – an alte Erfolge glaubt der Rückkehrer bei der Tournee noch nicht. „Es könnte sein, dass sie für mich einen Ticken zu früh kommt“, sagte er, „aber ich habe mich nicht zwei Jahre zurückgekämpft, um beim ersten Widerstand abzubiegen.“
David Siegel
Im vergangenen Jahr war für den Youngster noch in Garmisch-Partenkirchen Schluss – in diesem Winter will David Siegel unbedingt bis Bischofshofen durchkommen. Eine der großen Triebfedern für ihn sind die bei der Tournee traditionell enthusiastischen Fans. „Diese sorgen schon dafür, dass die Tournee eine ganz eigene Dynamik entwickeln kann“, erklärte Siegel, „die will ich unbedingt nutzen“. PATRICK REICHELT