„Stoch ist schwer zu schlagen“

von Redaktion

Martin Schmitt über die Tourneefavoriten und deutsche Chancen

München – Er ist einer der akribischsten Beobachter der Skisprungszene – doch auch für Martin Schmitt hat die bisherige Saison so manche Überraschung mit sich gebracht. Ganz oben stehen bislang neue Gesichter. Das könnte sich im Verlauf dieser 67. Vierschanzentournee aber ändern, wie der heutige Eurosport-Experte im Interview erklärte.

Nach dem beschaulichen Saisonstart wartet nun die lärmende Vierschanzentournee. Ist es schön, oder doch eher schade, nicht mehr aktiv dabei zu sein?

Achja, manchmal würde es mich schon reizen. Gerade jetzt vor der Tournee. Aber man weiß natürlich auch, was alles dranhängt. Insofern vergeht das auch ganz schnell wieder.

Die Tournee ist also pure Vorfreude?

Auf jeden Fall. Die Tournee ist ein Höhepunkt und dafür trainiert man als Athlet das ganze Jahr. Wenn du in Oberstdorf im offiziellen Training oben auf der Schanze stehst und siehst, wie alles für die Tournee geschmückt ist und wie die Zuschauer langsam das Stadion füllen– das ist schon etwas ganz Besonderes.

Vor allem vermutlich für die Springer, die in Engelberg in der Spitze gelandet sind. Die Generalprobe ist für viele ein Tournee-Orakel…

Das stimmt schon. Engelberg zeigt schon eine Tendenz. Man muss dort nicht unbedingt gewinnen, aber man sollte schon vorne dabei sein. Denn was man bis dahin nicht hat, das ist auch bis zur Tournee schwer aufzuholen. Natürlich ist die Pause über die Weihnachtsfeiertage bis Oberstdorf sehr lang gewesen. Man kann in dieser Trainingsphase schon noch einmal etwas bewegen. Das haben zuletzt auch die Österreicher gezeigt, wenn auch noch ohne Konstanz. Stefan Kraft hat wieder mal einen Trainingsdurchgang gewonnen. Aber normalerweise braucht man zwei bis drei Wettkämpfe um das zu stabilisieren.

Also spricht doch alles für Ryoyu Kobayashi, der vier der ersten sieben Einzelspringen gewonnen hat – das letzte davon in Engelberg.

Kobayashi macht es im Moment sehr gut, ja. Wenn alle ihre besten Sprünge zeigen, dann war er zuletzt besser als die anderen und der Konkurrenz drei, vier Meter voraus.

Kann man es vereinfacht ausdrücken, was er besser macht als die anderen?

Es gibt im Skispringen drei ganz wichtige Faktoren. Kommt jemand schnell in die Flugposition und schafft es dabei mit dem Absprung die Flugbahn anzuheben? Und kommt der Ski schnell genug zum Körper? Das bringt Kobayashi im Moment am besten zusammen. Und deshalb ist er derjenige, den es zu schlagen gilt.

Wie steht es mit Kamil Stoch? Der Pole gewann in den beiden letzten Jahren und ist auch jetzt schon wieder im Spitzenfeld.

Ja, das stimmt schon. Kamil Stoch ist so erfahren, dass er einfach weiß, was er tun muss, um in Form zu kommen. Betrachtet man das Ergebnis der polnischen Meisterschaften am 2. Weihnachtsfeiertag, so scheint ihm das eindrucksvoll zu gelingen. Er hat den Wettbewerb mit über 30 Punkte Vorsprung gewonnen. Ich denke, er wird in Oberstdorf zu Kobayashi mindestens aufgeschlossen haben.

In Engelberg hat es Karl Geiger immerhin einmal geschafft, ihn zu schlagen. Ist er tatsächlich ein Tournee-Mitfavorit?

Klar, wenn man wie Karl Geiger in Engelberg gewinnt und im Gesamtweltcup Vierter ist, dann zählt man bei der Tournee zum Favoritenkreis. Kobayashi war den anderen ein bisschen voraus. Aber dahinter war Karl auf einem Niveau mit Piotr Zyla oder Kamil Stoch. Und mit diesem Selbstbewusstsein kann der Karl auch in die Tournee gehen. Er und auch Stephan Leyhe setzen eher etwas auf Understatement, aber das ist ihr Weg.

Für Karl Geiger beginnt die Tournee auf seiner Heimschanze. Ist das ein Vorteil?

Glaube ich nicht. Die Schanze ist recht bekannt. Auch bei den internationalen Springern, die oft in Oberstdorf trainieren. Man muss beim Karl einfach abwarten. Den letzten Schritt kannst du im Skispringen sowieso nicht erzwingen. Wenn er in Oberstdorf direkt mit einem guten Trainingssprung startet, dann kann viel passieren.

In der Position hatte man zum Saisonstart eigentlich eher Richard Freitag erwartet.

Ja, für ihn wäre Engelberg auch genau der Wettkampf zum Reinkommen gewesen. In den Trainingsdurchgängen ist er schon zweimal Zweiter gewesen. Dann hatte er im Probedurchgang Probleme bei der Landung und verletzt sich. Ohne diesen Rückschlag wäre er sicher in Form gekommen. Aber jetzt wird es natürlich deutlich schwerer.

Und dann ist da Andreas Wellinger. Seit seinem Olympiasieg ist er noch nicht wieder vollends in tritt gekommen. Was macht so ein Großereignis mit einem Athleten?

Der Andi hatte nach Olympia einen Fehler in seinem Sprung. Eine Asymmetrie. Das hat sich in Pyeongchang schon etwas angedeutet aber noch nicht ausgewirkt. Da war noch alles im Fluss. Er hatte dann in der Folge keine guten Ergebnisse, das Selbstvertrauen und das Selbstverständnis gehen etwas verloren und dann dauert es eben seine Zeit. Einzelne Sprünge sind gut, aber ihm fehlt noch die Stabilität. Man muss sich um ihn keine Sorgen machen. Er wird in dieser Saison noch seine Topform zeigen. Auch wenn ich nicht sagen kann, wann.

Vielleicht schon bei der Tournee?

Das ist natürlich auch bei ihm schwer. Aber Andi hat ein Riesenpotenzial und er ist vor allem ein Typ, bei dem es sehr schnell gehen kann. Ein einzelner Sprung kann schon reichen, dass er seine Sicherheit zurückgewinnt. Weil er grundsätzlich ein großes Zutrauen in seine Fähigkeiten hat. Das ist die Seite, die an der Sportart schwer zu verstehen ist. Der Kopf spielt eine große Rolle. Und da kann es sehr schnell nach unten, aber eben auch nach oben gehen.

Und er hat er in Werner Schuster einen Trainer, der im vergangenen Jahrzehnt oft bewiesen hat, dass er Springer an die Spitze führen kann. Allerdings ist die Zukunft des Bundestrainers offen. Was ist ihr Gefühl?

Ich gehe davon aus, dass er weitermacht, und würde mir das auch sehr wünschen. Er kann noch viel bewegen und es gibt ja auch noch unerreichte Ziele, wie den Tourneesieg zum Beispiel. Aber letztlich ist das etwas, was er alleine mit sich ausmachen muss.

Wenn er doch aufhört, dann wäre der Weg für Sie frei.

Ach, nein. Grundsätzlich hat der Trainerjob schon seinen Reiz. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das jetzt schon ein Thema für mich werden kann. Ich bin ganz zufrieden mit dem, was ich jetzt mache.

Zum Beispiel als Experte bei Eurosport. Wagen Sie als Solcher einen Tipp für den Tournee-Ausgang?

Direkt nach Engelberg hätte ich noch auf Piotr Zyla getippt, da ich das Gefühl habe, er hat noch lange nicht seine Möglichkeiten ausgeschöpft. Allerdings scheint Kamil Stoch inzwischen wieder so stark zu sein, dass es auch für Kobayashi schwer werden wird, ihn zu schlagen.

Interview: Patrick Reichelt

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