„Wir haben die Qualität zum Weltmeister“

von Redaktion

Handball-Nationalkeeper Andreas Wolff spürt im Hinblick auf die Heim-WM bereits Gänsehaut

München – Handball-Torhüter Andreas Wolff war beim Gewinn des EM-Titels 2016 der große Rückhalt des deutschen Teams. Der Keeper des THW Kiel wird auch bei der anstehenden Heim-WM (10. bis 27. Januar) erste Wahl sein. Im Interview sprach Wolff über die Lehren aus den letzten beiden verkorksten Turnieren, das angeblich gestörte Verhältnis der Nationalmannschaft zu Bundestrainer Christian Prokop, seine großen WM-Ziele und das einmalige Erlebnis, eine Weltmeisterschaft im eigenen Land zu erleben.

Andreas Wolff, zwei Wochen sind es noch bis zur Heim-WM. Steigt die Spannung schon?

Natürlich. Es fängt jetzt an, intensiver zu werden. Ich erwische mich schon selber dabei, wie ich im Auto sitze und mit Bekannten, Freunden und Mannschaftskollegen über das anstehende Turnier rede. Dann überkommt mich eine Gänsehaut, dann kriege ich dieses Kribbeln in den Fingern. Dann denke ich: ,Ich will ein geiles Turnier spielen, ich will ein geiles Spiel abliefern.’

Die letzten beiden Turniere gingen in die Hose. Platz neun bei WM und EM entspricht nicht den Ansprüchen einer deutschen Nationalmannschaft, die noch 2016 Europameister wurde.

Grundsätzlich haben wir die Vergangenheit abgehakt. Wir haben das, was bei der letzten Europameisterschaft lief, aufgearbeitet. Das Thema ist durch. Wir haben unsere Lektionen gelernt aus den letzten beiden Turnieren.

Die da sind?

Einmal haben wir gesehen, was passiert, wenn wir zu leichtsinnig, zu locker und losgelöst in ein Turnier gehen. Da haben wir uns ein bisschen überschätzt. Und im vergangenen Jahr haben wir erleben müssen, dass wir uns nicht zu viel mit Dingen beschäftigen dürfen, mit denen wir uns nicht beschäftigen sollten. Jetzt wollen wir zur WM fahren, um da einfach nur Handball zu spielen. Das hatten wir zuletzt ein wenig aus den Augen verloren.

Die atmosphärischen Störungen zwischen der Mannschaft und Bundestrainer Christian Prokop waren ein großes Thema. Wie nehmen Sie die Stimmung im Team wahr?“

Mittlerweile haben wir in der Mannschaft eine ganz andere Grundstimmung. Letztes Jahr war da ein wenig Unsicherheit. Jetzt ist wieder dieser Fokus da, dieser Spaß, dieser Flow. Du kommst jetzt wieder in den Turniertunnel, die Welt da draußen ist abgeschnitten, und du denkst nur an das nächste Spiel, an das nächste Training.

Die Probleme mit Bundestrainer Christian Prokop sind behoben?“

Wenn man die letzten Spiele und auch die Japan-Reise im Sommer nimmt, dann sieht man, dass es keine Probleme zwischen Team und Trainer gibt. Ganz im Gegenteil. Anfangs brauchten wir eine Eingewöhnungszeit, aber das liegt nicht an Christian selbst, sondern daran, dass er ein neuer Trainer war. Da musste man sich erst einmal beschnuppern und schauen, wie man zueinander steht. Wir hatten ein unglückliches Turnier, und dann sieht es so aus, als ob es Probleme gibt. Aber dem ist nicht so. Wir sind eine Einheit.“

Wie lautet die Zielsetzung für die WM? Sowohl Ihre eigene als auch die des Teams?

Fangen wir mit dem Persönlichen an. Mein Ziel ist es, der beste Torhüter der Welt zu sein. Und die Weltmeisterschaft ist die Plattform, dies zu beweisen. Ich will dazu beitragen, dass unser Mannschaftsteil zusammen mit Silvio Heinevetter (der Nr. 2 im deutschen Tor/Anm. d. Red.) so gut funktioniert, dass wir Erfolg haben. Wenn unsere Leistung stimmt, wenn ich meine Stärken einbringen und meine Mannschaft pushen kann, können wir wieder in den Flow kommen. Wenn wir also das Explodierende und nicht das Implodierende versprühen, wenn wir unsere Freude trotz des Drucks nach außen tragen, dann haben wir die Qualität, Weltmeister zu werden.

Sie sprechen den Druck an. Machen Ihnen die großen Erwartungen der Öffentlichkeit zu schaffen?

Wir können gerne das Wort Druck verwenden. Aber dieser geht von innen nach außen und nicht von außen nach innen. Deswegen fühle ich mich von dem Druck nicht runtergedrückt. Ich will raus mit meinen Emotionen. Ich möchte der Welt die Stirn bieten. Ich will den Leuten zeigen: Das bin ich, das ist mein Team, das ist meine Mannschaft, das ist mein Land! Ich habe das Gefühl, dass wir Großes erreichen können.

Der Bundestrainer verweist immer wieder auf den Stellenwert der Emotionen. Kommt Ihnen das entgegen?

Das ist mein Naturell. Ich bin ein emotionaler Spieler, vor allem wenn ich merke, dass es um richtig viel geht. Wenn ich spüre, da sind bis zu 20 000 Leute in der Halle plus x-Millionen vor dem Fernseher, dann kommen meine Emotionen richtig zum Kochen. Diese kann ich mit meinem lauten, extrovertierten Verhalten an meine Mannschaftskameraden weitergeben. Aufgrund dieser Eigenschaften bin ich zumindest auf dem Spielfeld dafür prädestiniert, in gewissen Situationen mit breiter Brust voranzugehen.

Welche Rolle spielt der Heimvorteil?“

Eine Heim-WM ist für einen Sportler das größte, zudem ein gesellschaftlicher Höhepunkt. Du hast diese Chance ein Mal im Leben. Christian (Prokop) hat uns beim letzten Lehrgang ein Motivationsvideo gezeigt mit Ausschnitten von unserem EM-Titel 2016, aber auch mit Szenen vom Wintermärchen 2007. Das ist unglaublich motivierend. Von diesen Bildern bekomme ich noch heute Gänsehaut. Wenn ich mir vorstelle, dass wir so etwas selber bald erleben, dann habe ich jetzt schon Bock drauf, rauszugehen und mich warm zu machen.

Interview: C. Stuckenbrock

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