München – In Tagen wie diesen kann auch Ruhe etwas Bedrohliches an sich haben. Dem gestrigen freien Tag der 67. Vierschanzentournee hat Markus Eisenbichler jedenfalls auch mit einigem Respekt entgegengesehen. Ja, natürlich sei ein bisschen Ausspannen ganz fein, nach dem Trubel der letzten Tage, die ihn so unverhofft ins Rampenlicht geschoben hatten. Mal keine Sprünge, keine Fragen – nur ein bisschen Athletiktraining und ein gemeinsames Essen abseits des Teamquartiers in Seefeld. Doch: „Am Ende wird so ein Tag ganz schön lang“, sagte der 27-Jährige, „und du bist froh, wenn du im Bett liegst.“
Man merkt. Eigentlich wäre Eisenbichler ganz gerne gleich weiter geritten auf dieser Woge, die ihn seit dem Tournee-Auftakt in Oberstdorf erfasst hat. Und die ihn einer der größten Errungenschaften ganz nahe gebracht hat, die eine Skispringer-Karriere mit sich bringen kann. Vor der heutigen Qualifikation in Innsbruck (14.00 Uhr/ARD und Eurosport) hat er gute Karten, als erster Deutscher seit Sven Hannawald 2002 den goldenen Tournee-Adler zu gewinnen. Jene Trophäe, der er bei der Pressekonferenz des Neujahrsspringens in Garmisch-Partenkirchen schon einmal ganz nahe gekommen ist.
Dass Eisenbichler das sportliche Zeug für solche Taten hat, ist eigentlich schon lange unbestritten. „Der Markus weiß gar nicht, wie gut er ist“, hatte Bundestrainer Werner Schuster in der Vergangenheit immer wieder gesagt. Ein Satz, in dem der Haken allerdings schon durchklingt. Der Kopf spielt bei Eisenbichler nicht immer mit.
Top-Leistungen liefert er zuverlässig im Training, gelegentlich auch bei einem Wettkampfsprung – spätestens beim zweiten bremste sich der Siegsdorfer bislang zuverlässig selbst aus. Heraus kommen dann Ergebnisse wie in diesem ´Jahr. 15., 32., 10., 48. – das war der Bereich, in dem Eisenbichler sich bewegte. Nicht verwunderlich, das Schuster dem Frieden auch nach Platz zwei in Oberstdorf noch nicht traute: „Ob er jetzt mental stärker geworden ist, das traue ich mich noch nicht zu sagen.“
Wer den kernigen, scheinbar so in sich ruhenden Bayern erlebt, den mag das wackelige Nervenkostüm überraschen. Was er erzählt, dieser Mann, der seit dem achten Lebensjahr über die Schanzen fliegt, das klingt oft nach größtmöglicher Distanz. „Ich will gute Sprünge machen“, sagt er gerne, „wenn es nicht reicht, dann geht die Welt nicht unter.“
Die Realität indes sieht ein bisschen anders aus. Christian Leitner etwa, Eisenbichlers erster Stützpunkttrainer in Berchtesgaden, hatte den einstigen Kombinierer von Beginn an ganz anders erlebt. „Der Markus ist ein enorm ehrgeiziger Typ, dem es ganz, ganz schwerfällt, sich mit einem zweiten oder dritten Platz zufriedenzugeben“, sagte er. Im Team ganz vorne zu sein, wie ihm das schon vor zwei Jahren zeitweise gelungen war, „das ist schon seins.“
Ob er diese Rolle nun zumindest bis nach Bischofshofen tragen kann – zumindest die Konkurrenz traut es ihm zu. So wie Andreas Felder, der Chefcoach der weiter schwächelnden Österreicher. „Der Markus Eisenbichler hat diese besondere Sicherheit“, sagte der, „da meinst du beim Absprung. jetzt hat er aber einen ’Hackler’ drin und der fliegt trotzdem ganz runter.“
Zumindest könnte Eisenbichler der Tournee so mal wieder ein spannendes Finale bescheren. Auf der Schanze in Innsbruck sind die Verschiebungen im Klassement üblicherweise gering. Dann wartet in Bischofshofen die Schanze der Flieger. Und ein Flieger ist Eisenbichler allemal – mit 248 Metern hält er den deutschen Weitenrekord.