Perth – Sicher werden sich die Tennisfans in Brisbane in den nächsten Tagen über einen vertrauten Anblick wundern. Rafael Nadal beim Training – das ist bei jedem Turnier eine Gelegenheit, bei der die Leute Schlange stehen. Doch diesmal werden sie sich fragen, wieso er weiter trainiert, obwohl er doch in einer Pressekonferenz vor seinem ersten Spiel den Rückzug vom Turnier verkündet hatte.
Beim ersten Spiel im Rahmen eines Einladungsturniers in Abu Dhabi habe er sich in der vergangenen Woche eine Zerrung im linken Oberschenkel zugezogen, erklärte er am Mittwoch in den Katakomben der Pat-Rafter-Arena. Er habe danach das Gefühl gehabt, es sei nicht allzu schlimm, und er habe auch trainiert, doch nach einer Untersuchung in Brisbane hätten ihm sowohl die australischen als auch seine kontaktierten Ärzte zuhause in Spanien geraten, nichts zu riskieren und auf den Start zu verzichten. „Es geht mir jetzt schon besser als vor ein paar Tagen, aber ich will nichts riskieren, denn mit der Intensität eines Spiels kann die Sache schlimmer werden.“
Bis Samstag wird er in Brisbane bleiben, danach steht unverändert ein Show-Auftritt beim FAST4 in Sydney auf dem Programm, und dann wird er sich auf den Weg zu den Australian Open nach Melbourne machen.
Der Start in Brisbane hätte sein erster bei einem offiziellen Turnier seit seiner Aufgabe Anfang September im Halbfinale der US Open gegen Juan Martin del Potro Anfang sein sollen. Damals hatte er wegen einer immer wieder aufflammenden Verletzung seines Knies aufgegeben, später im November hatte er einen Knochensporn im Sprunggelenk entfernen lassen. Die Organisatoren in Brisbane zeigten Verständnis – so wie die Organisatoren aller Turniere, bei denen er in der jüngeren Vergangenheit nicht angetreten war; was bleibt ihnen anderes übrig?
Das Spiel auf Hartplätzen setzt den strapazierten Muskeln und Gelenken des Spaniers besonders zu, und die Liste seiner Absagen für Turniere auf diesem Boden wird länger. Im Herbst 2017 sagte er in Basel, Paris-Bercy und bei den ATP-Finals in London ab, 2018 folgten Rückzüge vor dem ersten Auftritt in Brisbane, Acapulco, Indian Wells, Miami, Cincinnati, Peking, Schanghai, wieder Paris-Bercy und London. Bei den Australian Open gab er im Viertelfinale auf, bei den US Open im Halbfinale, nur einmal kam er durch: In Toronto gewann er den Titel. Auf den Sandplätzen der Welt ging es ihm besser; da spielte er bei allen geplanten Turnieren und gewann Titel in Monte Carlo, Barcelona, Rom und schließlich wie fast immer bei den French Open in Paris.
Wie groß die Hoffnungen nun sein können, ihn in anderthalb Wochen in Melbourne nicht nur auf dem Trainingsplatz zu sehen? Er mache sich keine Sorgen, so Nadal. „Ich schätze, dass ich in fünf Tagen bei 100 Prozent bin und dass ich dann genug Zeit habe für Melbourne.“
Vor einem Jahr sei es ihm deutlich schlechter gegangen, fuhr er fort, trotzdem sei er bei den Australian Open ins Viertelfinale gekommen und habe sogar mit 2:1 Sätzen gegen Marin Cilic geführt. Danach allerdings gab er auf, und dass diese Aufgabe zum positiven Teil seiner Bilanz auf harten Böden gehört, sagt im Prinzip alles. Wenn er könnte, würde Nadal vermutlich dasselbe tun wie Roger Federer in jüngster Zeit, der auf Sand nicht spielte. Aber dazu gibt einfach zu viele Hartplätze im internationalen Turnierkalender.