„Das Skisprungsystem ist unheimlich sensibel“

von Redaktion

Der frühere Schanzenstar Dieter Thoma über die Leistungsschwankungen bei Spitzenathleten

München – Bei Markus Eisenbichler (27) und Ryoyu Kobayashi (22) klappt bei der Vierschanzentournee alles. Beim Vorjahreszweiten Andreas Wellinger (23) oder dem Dritten Anders Fannemel (27) nicht besonders viel. 2016- Sieger Peter Prevc (26) ist freiwillig abgereist, Ex-DSV-Vorzeigespringer Severin Freund (30) wurde aus dem Team genommen. Auch Stefan Kraft (25, Sieger 2015) oder Simon Ammann (37, viermal Podest) spielen keine Rolle. Der zweimalige Sieger Gregor Schlierenzauer (27) verzichtete wegen schlechter Form auf seine Teilnahme. In keiner anderen Sportart sind die Leistungsschwankungen so hoch. Warum, das erklärt Dieter Thoma (49), 1990 selbst Tournee-Champ.

Dieter Thoma, der Flow im Skisprung, wie fühlt sich das für den Athleten an?

Das ist ganz schwer zu beschreiben. Du merkst, du bist im Hier und Jetzt, aber gleichzeitig fühlt es sich so an, als wärst du in einem Wachtraum, in dem einfach alles funktioniert. Du weißt, was du zu tun hast und du weißt schon vor dem Sprung, dass der gut wird. Die Kraft der Gedanken ist in diesem Moment unglaublich stark.

Also: Ich bin, was ich denke?

Ich glaube an das Gesetz der Resonanz. So wie ich denke, fühle, handle – so kommt genau das zu mir zurück. Ich kann mich entscheiden, ob ich immer wieder versuche, Energie aus den für mich guten und positiven Dinge im Leben zu gewinnen oder ob ich immer bei allem das Haar in der Suppe suche. Was werde ich wohl finden? … Gedanken können sehr viel ausmachen und man kann lernen, diese zu beeinflussen.

Was bedeutet das auf den Skisprung übertragen?

Diesen Effekt kann man für sich nutzen. Bei der Analyse eines Sprungs sucht man meistens nach Fehlern, findet natürlich immer welche und fokussiert sich somit mehr auf die Unvollkommenheit als auf die vielen anderen positiven Eigenschaften des Sprungs. Einen gefundenen Fehler sollte man deshalb nie einfach so stehen lassen, sondern einen direkten Lösungsvorschlag als Aufgabe mit auf den Weg geben.

Thomas Diethart 2014, Sigurd Pettersen 2004 oder Risto Laakkonen 1989 – die Tournee bringt immer wieder Überraschungssieger hervor, warum?

Es finden viele Wettkämpfe in extrem kurzer Zeit statt. In so einem Zeitraum fällt es manchmal leichter, seine Form zu halten als über einen ganzen Monat oder eine ganze Saison. Auf der anderen Seite kommt man schwer zurück, wenn es nicht läuft. Domen Prevc hätte vorletztes Jahr ein ähnliches Beispiel werden können, ist aber am Druck zerbrochen.

Anfahren, abspringen, fliegen: Man könnte sagen, so einfach ist Skispringen, wenn man einen Lauf hat. Auf der anderen Seite ist es technisch sehr anspruchsvoll. Ist es also einfach oder schwierig?

Beides. Kobayashi geht beim Absprung am Tisch volles Risiko, weil er weiß, dass es funktioniert. Er wird immer mutiger, ohne dass er es merkt. Für ihn fühlt sich Skispringen gerade sehr leicht an. Wenn du dieses Selbstvertrauen nicht hast, grübelst du über viele Dinge und kannst dadurch sehr viel falsch machen.

Zum Beispiel?

Es geht los beim nicht ganz passenden Sprung-Anzug. Oder man fühlt sich unwohl mit dem ungemütlichen Kniewinkel in der Anfahrt. Man fragt sich, wie stehe ich im Schuh, um schnell anzufahren und gleichzeitig die Winkelstellung der Ski so zu beeinflussen, damit diese weniger aufkanten? Habe ich den richtigen Ski gewählt? Wie viel symmetrischen Druck kann ich mit den Beinen beginnend anbringen, um mit geradem Rücken und aggressivem Unterkörper bei gleichzeitig wenig aufgerichteten Oberkörper möglichst schnell in die optimale Flugposition mit viel Höhe und Energie in die geeignete Drehung und den idealen Gleitwinkel kommen? Diese Entscheidungen sind in Zehntelsekunden ausgeführt. Deshalb ist das Skisprungsystem so unheimlich sensibel.

Peter Prevc hat 2015/16 insgesamt 15 Springen gewonnen. Wie kann es sein, dass so jemand abgeschlagen zur Halbzeit abreist?

Im Sommer 2016 stellte seine slowenische Skifirma die Produktion ein. Der neue Investor baute die Skier weiter, aber mit weniger Budget. Dazu kamen Verletzungen und Operationen am Knöchel. Auch der kurze, aber unglaubliche Aufschwung seines Bruders Domen hat ihn psychisch belastet. Das alles hat sein System ins Wanken gebracht. Wenn es nicht läuft, wird man von Sprung zu Sprung feinfühliger und unsicherer. Kommt dann noch der Wettkampfstress hinzu, können Geist und Körper unglaublich komisch reagieren.

Auch Severin Freund hat sich seine Rückkehr leichter vorgestellt.

In zwei Jahren Verletzungspause und Trainingsaufbauzeit hat sich die Skisprungtechnik weiterentwickelt. Den Anschluss wieder zu schaffen, ist schwer, aber möglich. Sein Weg jetzt im zweitklassigen Continental Cup ist steinig, hart – aber ehrlich.

Und Karl Geiger?

Der war im Dezember der Mann der Stunde und die deutsche Hoffnung. Dann kam Weihnachten. Manchmal ist es so: Wenn man viel Zeit hat, denkt man auch zu viel nach. Er ist das erste Mal in einer solchen Situation und macht wichtige Erfahrungen. Ich bin überzeugt von seinem zukünftigen Können.

Beim Skifahren beispielsweise wird auch extrem viel getüftelt. Warum sind die Leistungsschwankungen dort nicht so hoch?

Vielleicht weil sich beim Skispringen fast alles auf zwei Zehntel konzentriert. Auch wenn die Anlaufgeschwindigkeit und der Flug mit Telemarklandung enorm wichtig sein können, bündelt sich im Endeffekt alles im Moment des Absprungs und des direkten, schnellen Übergangs in den Flug. Den Energie- und Drehimpuls, der am Tisch entsteht, den kannst du unten nicht mehr aufholen. Wenn du oben sitzt, musst du die vielen Informationen bündeln und umsetzen. Mein Tipp in diesem Fall: Wenn dir die Welt zu groß wird, mach sie dir klein.

Interview: Mathias Müller

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