Der Abend des alten Lehrlings

von Redaktion

BASKETBALL Die Bayern verlieren in Istanbul – weil Vasilije Micic zeigt, was er gelernt hat

VON CHRISTOPHER MELTZER

Istanbul/München – Als Vasilije Micic an dem ersten Verteidiger vorbeigezogen war, tauchte plötzlich Leon Radosevic vor ihm auf. Der Center des FC Bayern misst 2,08 Meter, also bremste Micic, der Spielmacher von Anadolu Efes Istanbul, vor ihm ab – nur um sich dann mit einer flinken Drehung um ihn herum zu winden. Und als Micic dann sah, dass Nihad Djedovic angesprungen kam, gab er den Ball mit einem feinen Pass einfach weiter an Tibor Pleiss, der ihn in den Korb legte. So eine Vorlage sieht man selbst in der Euroleague selten.

Im hochwertigsten europäischen Vereinswettbewerb haben die Basketballer des FC Bayern am Donnerstagabend 77:92 (36:55) gegen Anadolu Efes Istanbul verloren. Ihre Bilanz dort ist nun wieder ausgeglichen (acht Siege, acht Niederlagen) – und das hat sehr viel zu tun mit Vasilije Micic, 24, einem sehr begabten Basketballer aus Serbien, den sie in München ziemlich gut kennen.

Im Sommer 2014 verpflichteten die Bayern jenen Micic, der damals von den Philadelphia 76ers im NBA-Draft gezogen worden war, sich jedoch in Europa weiterentwickeln sollte – unter Svetislav Pesic, zu dem Zeitpunkt Trainer des FC Bayern. Anderthalb Jahre später aber ging Micic wieder, sowohl er als auch die Bayern hatten sich wohl mehr erhofft. Mit der NBA hat es bis heute nicht geklappt, doch in der Euroleague hat er sich als Point Guard etabliert – weil sein Genie inzwischen die Schlampigkeiten überpinselt.

Die Bayern mussten im Sinan Erdem Dome aus der ersten Reihe mitansehen, wie ihr alter Lehrling gereift ist. Den Dreipunktewurf, den Micic früher eher selten traf, verwandelt er in diesem Jahr hervorragend. Am Donnerstagabend warf er fünfmal aus der Distanz – und viermal fluschte der Ball durch den Ring. In der Verteidigung hat er sich ebenfalls gesteigert. Ein besonderes Gefühl für das Spiel hat Micic ja schon immer gehabt. Es gehört zu seinen Spezialitäten, in die Zone einzudringen und den Ball an die Dreierlinie zu schleudern, wo die Schützen schon warten. Im Duell mit den Bayern sammelte er in 30 Minuten Spielzeit 20 Punkte und fünf Assists.

Der junge Micic dirigierte eine Offensive, die wie schon im Hinspiel – in München siegte Anadolu 90:71 – den Ball sehr gut bewegte. In den ersten siebeneinhalb Minuten kassierten die Bayern bereits 25 Punkte. „Es war eine fürchterliche erste Halbzeit“, sagte Forward Vladimir Lucic, der punktbeste Bayer (14 Zähler). Und obwohl sie sich in der zweiten Hälfte noch einmal herantasteten, konnten sie ihren alten Lehrling nicht mehr aufhalten – vielleicht auch, weil Stefan Jovic, der geniale Spielmacher der Bayern, mit einem Infekt fehlte.

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