„Katar hat sich geändert“

von Redaktion

Bayern fliegen ins Trainingslager – Menschenrechtsexperte sieht Verbesserungen

VON MANUEL BONKE

München – Sechs Nächte – so lange hält sich der FC Bayern heuer im Winter-Trainingslager in Katar auf. Kritik ist programmiert. Die Vorwürfe: Der Club unterstützt mit der Partnerschaft einen Staat, der Menschenrechte verletzt. Trotz allem gibt es im Emirat aber positive Entwicklungen.

Unter anderem unterzeichnete Staatsoberhaupt Tamim bin Hamad Al Thani ein Dekret, wodurch Gastarbeiter ohne Ausreisevisa in ihre Heimat zurück können. Bisher mussten sie ihre Pässe abgeben und durften nur mit Einverständnis des Arbeitgebers reisen. Die angekündigte Reform des kritisierten Arbeitsrechts Kafala nimmt Form an. Katar ist der erste Golfstaat, der diese Restriktionen aufhebt. „Vor etwas mehr als drei Monaten hat Angela Merkel das Deutsch-Katarische Wirtschaftsforum in Berlin eröffnet. Sie hat dabei den Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen beider Länder als Chance beschrieben und das Interesse Deutschlands an einer noch engeren Zusammenarbeit mit Katar hinterlegt“, sagte Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge zur „tz“. Der FC Bayern sei „eines von vielen deutschen Mittelstandsunternehmen, die mit einem Partner aus Doha kooperieren. Wie andere Fußballvereine und Sportfachverbände auch beteiligen wir uns dabei an einem Dialog in der Golf-Region. Wir stehen mit unseren Partnern in Katar im Austausch über Entwicklungen in unseren Gesellschaften, der das Thema der Menschenrechte und die Rechte von Arbeitern beziehungsweise Arbeitnehmern einschließt.“ Rummenigge: „Die Menschenrechtsorganisation der UN, internationale Gewerkschaften und NGOs attestieren, dass Katar auf die Kritik reagiert und Änderungen realisiert hat. Dazu zählen die positive Entwicklung der Rechtslage für Wanderarbeiter und Verbesserungen der Arbeitsrechte in Katar.“

Dass sich in Katar etwas tut, ist auch Wenzel Michalski von Human Rights Watch (HRW) nicht entgangen: „Man kann sagen: Katar ist auf dem richtigen Weg.“ Und da kommt in seinen Augen der Rekordmeister ins Spiel: „Katar braucht Schubhilfe. Der FC Bayern könnte ein Anschieber sein.“ Bei der Gleichberechtigung von Mann und Frau haben die Münchner im vergangenen Jahr bereits etwas angeschoben. Damals fand erstmals auch das Trainingslager der Frauen-Mannschaft in Katar statt. „Um den Frauensport in arabischen Gesellschaften zu fördern, hat der FC Bayern im Januar 2018 ein Trainingslager seiner Bundesliga-Frauenmannschaft in Katar organisiert und wurde dabei mit besonderem Engagement vom Qatar Women’s Sport Committee unterstützt“, sagte Rummenigge, „es hat gute und sichtbare Begegnungen mit katarischen Fußballerinnen und weiblichen Vertretern der katarischen Gesellschaft gegeben.“ 2019 sind erneut Begegnungen mit weiblichen Vertretern der katarischen Gesellschaft geplant.

Michalski meint dazu: „Das sind begrüßenswerte Aktionen. Natürlich sind die symbolisch, aber Symbolik in dem Sinne ist durchaus positiv. Das kann ja das Bewusstsein von Gleichberechtigung fördern. Ich will gar nicht sagen, dass der FC Bayern da überhaupt nicht hinfahren soll, aber sie sollen die Chance nicht verfehlen, dort Missstände anzusprechen. Das ist ihre moralische Pflicht. Sportvereine haben eine Vorbildfunktion und einen Wertekatalog. Und diese Ansprüche sollen sie stellen. Ich bin mir sicher, dass der FC Bayern Interesse daran hat, dass sich Katar zu einer modernen Demokratie entwickelt.“

Was der Menschenrechtler trotzdem von den Club-Verantwortlichen fordert: „Die Bayern haben als Empfänger eines Sponsorings aus Katar die Pflicht, Menschenrechtsverletzungen öffentlich anzusprechen und anzuprangern. Wer das nicht tut, verletzt die Pflicht, die jedes Land hat, das in einem Land tätig ist, in dem es fragwürdige Menschenrechtssituationen gibt.“

Der 56-Jährige fordert, „dass die Reformen, die auf dem Papier stehen, zügig umgesetzt werden – es hängen davon Menschenleben ab! Die Kataris sagen immer: Gebt uns Zeit – seit vielen Jahren. Und sie sagen: Auf WM-Baustellen ist die Situation klasse und dann liefern sie Beispiele. Das stimmt ja zum großen Teil, aber was ist mit der Infrastruktur, ohne die das Turnier nicht stattfinden kann? Da gibt es nach wie vor Missstände auf dem Bau! Bei allen Verbesserungen gibt es immer noch Rückstand – da muss Katar aufholen.“

Trotz dieser Kritik ist Michalski froh, dass sich etwas getan hat. „Es ist schön, dass wir merken, dass die Kritik gehört wird. Sie prallt an Bayern nicht ab, das ist sehr positiv. In Katar sind Verbesserungen feststellbar. Aber man kann es weiter bringen, das Land und die Leute dort. Weil wir sehen, dass Katar das Potenzial hat zu einer positiven Entwicklung, das sieht ja auch der FC Bayern so. Wir bitten den Verein, da wirklich auch immer wieder einen Schritt weiterzugehen, bis dieser Fortschritt erreicht wurde.“ Oder um weiter in Fußball-Sprache zu bleiben: „Es gibt wirklich Grund zum Optimismus – aber nur, wenn man am Ball bleibt.“

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