Rangliste ohne Neuer

Provokation – oder Wahrheit?

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Es gibt sie noch, die guten alten Dinge – und nicht nur bei Manufactum, sondern auch beim „kicker“, dem deutschen Fußballfachblatt. Die Sache hat institutionellen Charakter: Jedes halbe Jahr wird die Rangliste des deutschen Fußballs veröffentlicht. Geändert hat sich über die Jahrzehnte nur, dass man neue Positionskategorien einführte (zum Beispiel: Außenbahn offensiv) und andere eingemottet wurden (Libero), doch an der Leistungseinteilung war nie zu rütteln. Weltklasse – Internationale Klasse – Im weiteren Kreis – Blickfeld, das ist der kicker-Vierklang. Und eine Besonderheit hat sich auch noch erhalten: In den oberen drei Gruppen geht es nach Leistung, im Blickfeld aber nach Alphabet. Auch da hätte Manuel Neuer nichts zu melden gehabt. Neuer stünde hinter Baumann von der TSG Hoffenheim. Wenn er denn überhaupt genannt worden wäre. Wurde er aber nicht. Manuel Neuer, der Mann mit dem Abo auf den Titel des Welttorhüters, gehört in der Bundesliga nicht zu den ersten Elf (der Torhüter). Baumann mitgerechnet, noch nicht mal zum vorderen Dutzend.

Das ist die Fußballmeldung der Woche, sie schlägt sogar den genialen, 62 Millionen Euro schweren Pulisic-Deal Borussia Dortmunds. Denn schwerer als jeder Transfer wirkt, was vielen wie eine Gotteslästerlichkeit anmuten dürfte: das Übergehen von Neuer. Über den alle Nationalspieler sag(t)en (mussten), er habe bei der WM trotz seiner Verletzungsvorgeschichte bestens performt. Und dem Bundestrainer Jogi Löw bis 2020 Nummer-eins-Status garantiert.

Gut, unter den zwölf kicker-Auserwählten sind sieben Ausländer, und selbst wenn man noch die Herren Ter Stegen und Leno, die in einer eigenen Rangliste erscheinen werden („Deutsche im Ausland“), dazuzählt, ist Neuer womöglich noch unsere Nummer acht.

Übertrieben, all das? Natürlich. Die Rangliste, Ergebnis langer Redaktionsdiskussionen beim kicker, ist immer auch ein Stück Politik. Und Verkaufsargument. Eine Titelzeile „Ohne Neuer“ ist dem Absatz in der bundesligalosen Zeit gewiss förderlicher als ein „Bürki vor Jarstein“. Allerdings steckt auch Wahrheit in der Einstufung Neuers. Es ist etwas verloren gegangen bei ihm.

Wohl würde der FC Bayern zu dieser „Respektlosigkeit“ gerne in einer eigenen Pressekonferenz poltern, doch die hat er schon vor Wochen abgehalten. Er wird schweigen und warten. Es ist nämlich publizistisches Grundgesetz: Die nächste Rangliste kommt bestimmt. Vielleicht mit einem Wiedergutmachungs-Internationale-Klasse.

Guenter.Klein@ovb.net

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