Jubiläum in Hackls Wohnzimmer

von Redaktion

In Königssee wurde vor 50 Jahren die erste Kunsteisbahn der Welt gebaut – Heim-Weltcup an diesem Wochenende

Königssee – Es klingt kurios. Die Wiege der Bob- und Rodelbahn am Königssee liegt in Inzell. Am Zwingsee hatte der Stuttgarter Architekt Werner Deyle, der ein auf Kältetechnik spezialisierten Planungsbüro betrieb, eine 400-m-Kunsteisbahn geplant. Bei der Einweihung 1965 sprach ihn Richard Hartmann, der damalige Sportwart des Deutschen Bob- und Schlittensportverbandes, an: „Was Sie hier in der Ebene gemacht haben, lässt sich sicher auch kippen …“ Dies war die Geburtsstunde der ersten Kunsteisbahn der Welt. Mit in die Planungen war Sepp Lenz eingebunden. Der damalige Bundestrainer unterstützte mit empirischen Versuchen die Entstehung der 4,6-Millionen-Mark-Anlage.

Am Donnerstag wurde vor der Alten Saline in Bad Reichenhall der 50. Geburtstag der ersten Kunsteisbahn der Welt gefeiert, der auch gleichzeitig der 60. Geburtstag des Natureiskanals ist. „Wir sind ganz bewusst nach Bad Reichenhall gegangen, weil sich die Bahn im Besitz des Landkreises Berchtesgadener Land mit dem Sitz des Landratsamts in Bad Reichenhall befindet,“ sagte Thomas Schwab, der Vorstandsvorsitzende des Bob- und Schlittenverbandes Deutschland (BSD). Sepp Fendt, Präsident des Internationalen Schlittensportverbandes (Fil), würdigte den Bau der 1332 m lange Eisröhre als historische Tat: „Der Bau der weltweit ersten Kunsteisbahn war für die Fil ein großartiger Meilenstein, weil damit der Fortbestand unseres olympischen Rennrodelsportes gesichert wurde. Es war damals ein mutiges Pilotprojekt.“

Im Mittelpunkt der Jubiläumsfeier standen jedoch die Sportler, allesamt Olympiasieger, Welt- und Europameister. Christa Schmuck, Sonja Marx-Wiedemann, Barbara Niedernhuber, Natalie Geisenberger, Hans Rinn, Norbert Hahn, Hans Brandner, Georg Hackl, Markus Prock und Armin Zöggeler. Dazu die Bobfahrer Stefan Gaisreiter und Markus Zimmermann. Selbstverständlich waren auch die Pioniere Hans Plenk und Sepp Lenz als Ehrengäste bei dem Festakt dabei. Der heute 83-Jährige Lenz war maßgeblich am Bau der Bahn beteiligt. Der spätere Rodel-Bundestrainer hat von der Stunde Null an „Hand angelegt“, aus aufgeschütteter Erde und Ziegelsteinen entstanden die Kurven. Mehr als 10 000 Eisblöcke wurden vom Hintersee transportiert, der Kanal damit belegt und die Lücken mit Schneematsch ausgefüllt.

Trotzdem mussten immer wieder Rennen abgesagt werden, weil es auch in den 1960er Jahren warme Winter gab, die das Eis schmelzen ließen. Deshalb reifte die Idee mit dem Betonkanal, der künstlich vereist werden kann. Hans Plenk (80) war der Versuchspilot, der sich die Kunsteisbahn als Erster hinunter traute. Der Weltmeister von 1965 war mit genügend Mut und Selbstbewusstsein ausgestattet, fuhr sofort von ganz oben weg, vom Herrenstart. Die Verbundenheit der beiden Veteranen mit ihrem „Baby Eiskanal“ hält bis heute an. Nach wie vor ist für Lenz ein Tag nicht komplett, wenn er nicht wenigstens kurz bei ihm vorbeigeschaut hat. Auch Plenk besucht regelmäßig die Rennen. An diesem Wochenende wird er die Entscheidungen im Weltcup vor Ort verfolgen.

Vier Kälteaggregate mit einer Leistung von 2,6 Millionen Kilowatt sorgen dafür, dass über 70 km Rohre eine Fläche von circa 7000 m² vereisen können. Mehrmals wurde die Bahn um Funktionsgebäude und Trainingsstätten erweitert. Bis 1976 konnten keine Viererbob-Rennen ausgetragen werden, weil die Bahn nicht die nötige Mindestlänge von 1200 m aufwies. Durch einen Kreisel mit 42 m Durchmesser verlängerte sich die Bahn um 175 m. Vorgabe erfüllt. Weitere Umbauten wie neue Kehlungen der Kurven oder Verlängerung des Auslaufs dienten hauptsächlich der Erhöhung der Sicherheit.

Einer, der die Eisbahn als sein „Wohnzimmer“ bezeichnet, ist Georg Hackl. Seine Karriere begonnen hat er mit zehn Jahren, beendet als dreimaliger Olympiasieger und zehnfacher Weltmeister. Ausgerechnet bei der WM 1999 auf seiner Heimbahn erlebte er eine seiner schmerzlichsten Momente. „Mich hat’s g’schmissen“, erzählt er, „denn ich dachte, dass ich einen super-genialen Schlitten hatte.“ Am Material tüftelt der gelernte Schlosser als Stützpunkttrainer am Königssee bis heute. Und es profitiert davon eine ganze Garde von Olympiasiegern: Natalie Geisenberger, Felix Loch, das Duo Tobias Wendl/Tobias Arlt. KLAUS-ECKHARD JOST

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