Kerbers Kunstschuss reicht nicht

von Redaktion

Knappe Niederlage des deutschen Duos im Hopman Cup – Görges’ Turniersieg

VON DORIS HENKEL

Perth – Kein Sieg gleicht dem anderen, aber manche hauen einen mit voller Wucht um. Für ein paar Sekunden lag Julia Görges nach dem letzten Ballwechsel des Tennisturniers in Auckland auf dem blauen Boden, sichtlich bewegt. Mit einem Erfolg gegen die junge Kanadierin Bianca Andreescu, die überraschend zum ersten Mal im Finale eines Turniers dieser Größenordnung gelandet war, schnappte sie sich den siebten Titel ihrer Karriere, und sie wusste, dass es der Lohn für ihre Beständigkeit war und für ihre Bereitschaft, in jeder Sekunde des Spiels alles für möglich zu halten und dafür zu arbeiten.

In der letzten Runde der Qualifikation hatte Andreescu, 18, gegen Laura Siegemund gewonnen, im Hauptfeld folgten Siege gegen Caroline Wozniacki und Venus Williams, und nach dem ersten Drittel des Finales sah es so aus, als sollte diese unglaubliche erste Turnierwoche des Jahres für sie perfekt zu Ende gehen. Doch im hart umkämpften zweiten Satz wurde Görges immer stärker und erzwang die Wende. Irgendwann nach dem Ende ihrer Karriere wird sie sich besonders gern an Auckland erinnern – an eine Stadt, die sie sehr mag und in der sie nun zum zweiten Mal den Titel gewann.

Es ist fast schon kurios, dass das Jahr 2019 für das deutsche Tennis genauso begann wie das alte: Mit einem Titel in Auckland für Görges und einem Finale für Angelique Kerber und Alexander Zverev beim Hopman Cup in Perth. Und mit einem spektakulären letzten Ballwechsel im Mixed gegen Belinda Bencic und Roger Federer. Zuvor hatte Federer ebenso souverän gegen Zverev gewonnen wie Kerber gegen Bencic, im Doppel fiel die Entscheidung dann im (kurzen) Tiebreak des dritten (kurzen) Satzes.

Es stand 4:4, und beide Teams hatten Matchball; die Schweizer rückten vor ans Netz und blockten Angriffe mit Volleys ab, die Deutschen versuchten, eine Lücke zu finden. „Zwei vorn am Netz, zwei hinten – wer Tennis kennt, weiß, da kann alles passieren“, meinte Federer hinterher. „Das hat am Ende auch mit Glück zu tun, aber vielleicht haben wir doch verdient gewonnen.“

Ob dieser Ballwechsel als letztes Ausrufezeichen in der 31 Jahre währenden Geschichte des Hopman Cups steht, darüber ist offiziell noch nichts entschieden. Der Vertrag für das Turnier läuft noch, theoretisch könnte also auch 2020 wieder um diesen Titel gespielt werden. Vieles hängt davon ab, welche drei australischen Städte für den neuen ATP Cup in der zweiten Januar-Woche den Zuschlag erhalten. Aber selbst für den Fall, dass es den Hopman Cup weiter geben sollte, müsste man sich fragen, ob der Veranstalter dann noch mit der ersten Liga der Männer rechnen kann oder ob die sich dann alle für den neuen Mannschafts-Wettbewerb der ATP entscheiden.

Keine Frage, der Hopman Cup mit seinen gemischten Teams bringt Klasse, Spaß und spannende Konstellationen und bietet den Frauen ein Forum; es war auch diesmal wieder sehenswert, wie Belinda Bencic die Aufschlag-Geschosse von Alexander Zverev returnierte und wie Angelique Kerber einen Kunstschuss präsentierte, für den sie selbst von Federer Beifall bekam. Kerber und Zverev verabschiedeten sich nach der so knappen Niederlage im Finale mit schweren Herzen, dennoch fanden beide, die Zeit in Perth sei ein Gewinn gewesen.

Zverev kassierte gegen Federer die einzige Turnierniederlage im Einzel, und gemessen an diesem Spiel kann bis zum Beginn der Australian Open in einer Woche sicher noch manches besser werden. Aber im Gegensatz zu 2018, als er während des Hopman Cups noch mitten im Aufbautraining gestanden hatte, machte er diesmal einen deutlich frischeren und wacheren Eindruck.

Mit noch besseren Eindrücken und Aussichten stieg Angelique Kerber gestern Vormittag in den Flieger nach Sydney, wo sie in dieser Woche versuchen wird, den Titel aus dem vergangenen Jahr zu verteidigen. Im Plan für Perth habe gestanden, möglichst viele gute Matches zu haben, sagt sie, und das habe sie geschafft. Aber es war deutlich mehr als das. Sie wirkte nach der ersten Etappe mit ihrem neuen Coach Rainer Schüttler bemerkenswert spritzig und fast draufgängerisch, nicht nur beim Kunstschuss im Finale.

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