München – Er brachte es als Spieler (1978) zum Weltmeister und und 2007 führte Heiner Brand die deutsche Handball-Nationalmannschaft im eigenen Land auch als Trainer auf den Thron. Bei der Rückkehr der Titelkämpfe nach Deutschland ist Brand nun nur noch als Botschafter für den Spielort Köln im Boot – doch der 66-Jährige hält einen ähnlichen Verlauf wie vor 12 Jahren für möglich.
Eine Weltmeisterschaft im eigenen Land – welche Bilder kommen da in Ihnen hoch?
Oh, da gibt es vieles von 2007 natürlich. Das war eine unheimlich intensive Zeit. Die für mich auch belastend war. Ich musste ja jeden Tag ins Morgenmagazin von ARD und ZDF, nachdem ich die Nacht vorher noch Videos gekuckt habe. Aber dann war da natürlich die Gänsehaut-Atmosphäre in den Hallen. Oder unsere Fahrt zum Endspiel mit den vielen Leuten am Straßenrand oder auf den Autobahnbrücken. Alles Schwarz-Rot-Gold – so etwas hatte man im Handball noch nicht erlebt.
Dazu gehörte natürlich die entsprechend erfolgreiche Mannschaft. Warum war die Auswahl von 2007 weltmeisterlich?
Wir waren ein gutes, sicherlich auch taktisch gut vorbereitetes Team. Das waren wir sicherlich in den Jahren davor auch schon. Aber da hat uns teilweise das Quäntchen Glück gefehlt. So wie bei der Europameisterschaft in Schweden, wo uns der Titel genommen worden ist. Bei der WM hat dann mal alles zusammengepasst. Das sind dann die Dinge, die am Ende entscheiden.
Wohl auch dank des Heimvorteils…
Zunächst mal haben wir unter dem Druck schon auch zu leiden gehabt. Das muss man auch sehen. Aber wenn du über diesen Punkt rüberkommst, wenn die Lockerheit dann mal da ist, so wie es bei uns damals nach dem Slowenien-Spiel war, dann kann das natürlich helfen. Hat es bei uns auch in der entscheidenden Phase. Diese Begeisterung hat den Spielen schon Aufschwung gegeben.
Dominik Klein hat sich scherzhaft angeboten, er stünde als Experte zur Nachnominierung bereit. Eine Anspielung auf Christian Schwarzer…
Ohja, der hat uns im Nachhinein schon sehr geholfen. Blacky war für uns der emotionale Leader, Markus Baur der rationale. Das halte ich auch für eine absolute Notwendigkeit für unsere jetzige Mannschaft, dass sich Führungsspieler herauskristallisieren. Die eine Verbindung zum Trainer haben, aber auch auf dem Spielfeld präsent sind. Spieler, die eine Vorbildrolle haben und sich auch die Stärke rausnehmen, zu sagen, ’wir machen jetzt das und das.’ Das war natürlich auch bei der Europameisterschaft letztes Jahr das Manko, dass kein Führungsspieler da war.
Wie sieht es denn jetzt aus? Gibt es einen Schwarzer im Kader?
Ein Typ wie Schwarzer ist natürlich schwer zu finden. Aber wer zum Beispiel von den Emotionen her immer voll dabei ist, ist Patrick Wiencek. Wie der für die Mannschaft arbeitet. In der Deckung wie vorne, immer mit 100 Prozent Körpereinsatz.
Und der rationale Leader?
Vielleicht wird das ja Martin Strobel, mal sehen. Das ist sicher ein Hintergedanke, den der Bundestrainer bei der Nominierung gehabt hat. Martin ist zwar ein ruhiger Typ, aber Markus Baur ist ja auch kein lauter gewesen. Und Martin hat auch das Handballspiel verstanden. Von dem her sind mit seiner Nominierung sicher solche Erwartungen verbunden gewesen. Der Bundestrainer hat sicher seine Erfahrungen bei der Europameisterschaft gemacht. Du brauchst nicht unbedingt die besten Spieler – du brauchst das beste Team, das dann auch entsprechend den Ideen des Trainers vertraut.
Bei der EM wirkte es nicht unbedingt so, als würde die Mannschaft geschlossen hinter Prokop stehen.
Ja, das habe ich auch so gesehen. Deshalb habe ich es auch nicht als korrekt empfunden, das immer am Trainer festzumachen. Eine Mannschaft muss auch einfach in diese Richtung mitziehen. Man kann über viele Dinge diskutieren aber wenn der Trainer sagt, wie er spielen will, dann brauche ich darüber nicht zu diskutieren. Dann habe ich das zu hundert Prozent zu geben. Da gibt es nur eine Richtung. Ich kann vor oder nach dem Spiel meine Meinung sagen, aber dann darf es nur eine Richtung geben und das war meiner Ansicht nach bei der EM nicht der Fall. Da müssen sich auch die Spieler an der Nase packen.
Haben sie das getan?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Spieler bei der Heim-WM nicht auf diese Idee kommt. Jeder weiß, dass das eine einmalige Chance ist, vor eigenem Publikum eine Weltmeisterschaft zu spielen. Da müsste jeder Spieler von selbst auf die Idee kommen, dass es nur diesen einen Weg gibt.
Wagen Sie einen Tipp? Wie stehen die Chancen auf einen neuen Heimsieg?
Es ist momentan sicher so, dass es keine Mannschaft gibt, die herausragt. Sieben, acht sehr gute Mannschaften, die gewinnen können, aber keine alles überragende. Wenn unsere Mannschaft einigermaßen gut aus der Vorrunde kommt, dann könnte das in Verbindung mit dem Heimvorteil die große Chance sein. Gerade in Köln sind wir ohnehin schwer zu schlagen.
Interview: Patrick Reichelt