Endlich angriffslustig

von Redaktion

Christina Geiger ist sicher, auf dem Weg aus der Mittelmäßigkeit zu sein – „Lunte gerochen“

VON ELISABETH SCHLAMMERL

Flachau – Die erste Reaktion verhieß eigentlich nichts Gutes. Christina Geiger schlug zunächst die Hände vors Gesicht. „Ich habe die Welt nicht verstanden“, gab die Skirennläuferin aus Oberstdorf zu, als sie die Zeit auf der kleinen Tafel im Ziel gelesen hat, oder besser: den Vorsprung auf die bis dahin Führende im Weltcup-Slalom von Flachau. Der betrug beachtliche 1,15 Sekunden.

Am Ende relativierte sich diese Zeit, denn die Siegerin, die ausnahmsweise nicht Mikaela Shiffrin hieß, sondern Petra Vlhova, war schließlich 2,68 Sekunden schneller – im alpinen Skirennsport ist dies eine kleine Welt. Aber als Sechste bescherte sie dem Deutschen Skiverband am Dienstagabend im Salzburger Land immerhin zum zweiten Mal innerhalb von drei Tagen ein kleines Erfolgserlebnis in der Problem-Disziplin. In Zagreb am vergangenen Samstag hatte sie mit dem fünften Platz sogar ihr drittbestes Karriere-Resultat geschafft. „Es geht bergauf“, sagte Geiger. Cheftrainer Jürgen Graller pflichtet ihr bei: „Sie hat Lunte gerochen.“

Alpinchef Wolfgang Maier mag diesen Optimismus (noch) nicht teilen. „Die Leistung hat allen Respekt verdient“, sagte er. „Das muss man jetzt mal so stehen lassen, aber es ist auch genau das, was ich von ihr sehen will.“ Und was er eben in den vergangenen Jahr viel zu selten gesehen hat, denn „sie gehört mit zu den talentiertesten Skifahrerinnen“ im Weltcup, wie Maier findet. Besser muss es heißen: Christina Geiger gehörte einst dazu.

Als die alpine Sparte des DSV vor zehn Jahren die beste Slalom-Mannschaft der Welt stellte, mit Siegfahrerin Maria Riesch, damals noch ohne Höfl, an der Spitze, war Geiger auf dem Sprung in die absolute Weltspitze. Mit 18 gewann sie Gold bei der Junioren-WM, mit 19 etablierte sie sich unter den besten 10 im Weltcup, ein knappes Jahr später stand sie zum ersten Mal auf dem Podium, als Dritte von Semmering. Doch das war schon das Beste von Geiger. Es ging fortan bergab, und irgendwann stagnierte sie. „Immer zwischen Platz 15 und 25 zu landen, kann doch nicht ihr Anspruch sein“, sagte Maier. Selten gab es Ausreißer nach oben wie der achte Platz vor zwei Jahren in Flachau oder der siebte im vergangenen Winter in Kranjska Gora, mit dem sie sich für die Olympischen Spiele in Pyeongchang qualifizierte. Und fast wie nie gelangen ihr zwei, drei gute Rennen am Stück.

Tatsächlich hinderten sie immer wieder kleinere oder größere Blessuren an einem geregelten Training. Auch vor dieser Saison musste sie kürzer treten. Aber ans Aufhören hat sie in den vergangenen Jahren trotzdem nie gedacht. „Ich war immer überzeugt, dass ich wieder dahin kommen kann, wo ich schon einmal war.“

Maier war sich da nicht so sicher. Zum einen, weil die Weltspitze im Slalom in den vergangenen Jahren noch einmal stärker geworden ist. Der Alpinchef sieht gar „ganz eklatante Stufen“. Die ersten Fünf der Welt mit Shiffrin und der bis Dienstag ewigen Zweiten Vlhova an der Spitze sind weit voraus. Zum anderen, weil Geiger bisher nicht empfänglich schien für die Ratschläge der Trainer, die fehlende Risikobereitschaft ausgemacht hatten. „Man kommt nur nach ganz vorne, wenn man aktiv fährt und nicht, wenn man nur schön runterfährt“, sagte der Alpinchef. Die jüngsten Leistungen von Geiger sind für ihn deshalb „die Bestätigung für unsere Kritik“. Es seien jeweils keine perfekten Fahrten gewesen, „aber sie hat etwas riskiert“.

Geiger ist sicher, dass sie einen entscheidenden Schritt raus aus der Mittelmäßigkeit geschafft hat: „Ich gebe mich mit einem 20. Platz nicht mehr zufrieden“, sagte sie. Aber es herrsche „schon noch ein gewisser Abstand“ zu den Besten. „Die Überzeugung ist jetzt da“, sagte sie. Die Angriffslust auch. Im Moment jedenfalls.

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