Prokops letzte Chance

von Redaktion

KOMMENTAR

VON CHRISTOPHER MELTZER

Vor seinem zweiten großen Turnier muss sich Christian Prokop, 40, seit Juli 2017 Handball-Bundestrainer, mit zwei Vorwürfen auseinandersetzen. Den einen hat der frühere Nationalspieler Michael Kraus vorgetragen. Er beklagte öffentlich, dass Prokop den Torhüter Johannes Bitter nicht nominiert hat. Man kann das aber schnell als Kumpanei abtun, Kraus sprang halt seinem Stuttgarter Teamkollegen zur Seite. Den anderen Vorwurf jedoch haben sehr viel mehr Experten formuliert. Sie wunderten sich, warum Prokop vor der WM, die heute beginnt, den Rechtsaußen Tobias Reichmann aus dem Kader gestrichen hat. Macht er schon wieder denselben Fehler?

Als die deutschen Handballer vor einem Jahr in der EM-Hauptrunde scheiterten, hat sich Prokop, der Bundestrainer-Neuling, verzockt. Er zerschoss die Teamhierarchie, als er den beliebten Finn Lemke nicht mitnahm (dass er ihn hektisch nachnominierte, reparierte das nicht mehr). Jetzt hat er also Reichmann gestrichen, was in doppelter Hinsicht ein Risiko ist: Prokop entfernte wieder einen Pfeiler der Mannschaft (torgefährlich, sicherer Siebenmeterschütze) – und hat mit Patrick Groetzki nur noch einen Spezialisten für die rechte Außenseite übrig.

Vor seinem zweiten großen Turnier hat Prokop zugegeben, dass er vor einem Jahr Fehler gemacht hat, dass er unterschätzt hat, wie sich seine taktischen Entscheidungen auf die Stimmung auswirken können. Gut so, wenn auch die Reichmann-Entscheidung Zweifel aufwirft. Doch Prokop, der taktischer Feingeist, hat sich diese zweite Chance verdient. Man muss sie ihm geben – und sich gleichzeitig daran erinnern: Es ist seine letzte.

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