Berlin – In der einstigen Mauerstadt Berlin wird heute wieder ein Kapitel Vereinigungs-Geschichte geschrieben. Auf dem Parkett. Vor den Augen großer Polit-Prominenz. Den ersten Auftritt eines vereinten Teams aus Korea bei einer Handball-WM wollen sich unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und IOC-Boss Thomas Bach nicht entgehen lassen. Die politisch verfeindeten Brüder-Nationen starten im Eröffnungsspiel gegen die deutsche Nationalmannschaft (18.15 Uhr/ZDF) in ihre Friedensmission.
„Das ist eine Möglichkeit, ein kleines bisschen an der Weltgeschichte mitzudrehen“, sagt der Präsident des Deutschen Handballbundes Andreas Michelmann. Die Botschaft sei, dass der Sport versuche, „Mauern niederzureißen und Brücken zu bauen.“
Die Koreaner sind sich über die Bedeutung des Austragungsorts Berlin sehr bewusst. „Mit dem Fall der Mauer ist man den Weg des Friedens gegangen. Deshalb möchten wir als gemeinsames Team zeigen, dass wir als Koreaner auch diesen Weg gehen können“, sagt Koreas Cheftrainer Cho Young-Shin.
IOC-Präsident Bach zeigte sich angetan. „Ich freue mich, dass es gelungen ist, diese gemeinsame Mannschaft zu bilden“, sagte der 65-Jährige. Die Zusammenstellung des Teams sei eine Fortsetzung der IOC-Initiative bei den Winterspielen in Pyeongchang 2018 mit dem gemeinsamen Einmarsch beider koreanischen Mannschaften und dem gemeinsamen Frauen-Eishockeyteam.
Vor Millionen TV-Zuschauern und 14 800 Zuschauern in der ausverkauften Arena am Ostbahnhof, darunter 200 Koreaner, wollen die Spieler zeigen, dass der eingeschlagene Weg der Annäherung der richtige ist. Seit dem 21. Dezember bereiten sie sich in Deutschland sportlich und zwischenmenschlich auf die WM vor. „Beim ersten Treffen haben wir noch etwas gefremdelt“, gab Kapitän Jung Su-Young zu. Sein nordkoreanischer Teamkollege Ri Song-Jin erzählte aber von einem Kennenlernabend, „seitdem sind wir in Freundschaft verbunden“.
Spielerisch sind die 16 Südkoreaner den vier Spielern aus dem Norden wohl überlegen, äußerlich gibt es kaum Unterschiede. Lediglich bei der Schuhwahl zeigen die Nordkoreaner Flagge: In blau-rot-weißen Tretern flitzten sie übers Parkett.
Hauptinitiator der Aktion war von Beginn an Weltverbands-Präsident Hassan Moustafa. Der machtbewusste Ägypter erlebte, wie sich IOC-Boss Bach und andere Funktionäre bei den Olympischen Winterspielen als Friedenshelfer initiieren durften. Das vereinte koreanische Eishockey-Frauenteam war trotz des letzten Platzes eine der großen Attraktionen in Pyeongchang.
Als sich die Handballer Südkoreas fast zeitgleich als Dritte der Asienmeisterschaft für die WM qualifizierten, forcierte Moustafa die sportliche Vereinigung in der Sportart. Als einzige Mannschaft des Turniers darf Korea mit 20 statt mit 16 Spielern starten. Korea wird mit dem Länderkürzel COR und der weiß-blauen Flagge, die das vereinte Land symbolisiert, antreten. Statt einer Hymne wird das koreanische Volkslied „Arirang“ gespielt.
Der Weltverband IHF lud auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Nordkoreas Diktator Kim Jong-un zum Eröffnungsspiel ein, doch die Hoffnung zerschlug sich. In seiner Neujahrsrede ging Kim nicht auf die Handball-WM ein, zeigte sich gegenüber Südkorea aber weiter versöhnlich. Schließlich wollen sich Nord- und Südkorea gemeinsam um die Ausrichtung der Olympischen Spiele 2032 bewerben. sid