München – Als Nikola Karabatic das erste Mal merkte, dass mit seinem großen linken Zehen etwas nicht stimmt, hat er ihn einfach ignoriert. Damals, im Spätherbst 2016, fieberten die Franzosen schon auf die Handball-WM im eigenen Land hin – und sie alle vertrauten auf Karabatic, den Welthandballer. Also ignorierte er den Zehen, der sich doch ziemlich merkwürdig anfühlte, den Schmerz, der ihn plagte. Er führte die Franzosen ins Turnier hinein und später wieder so hinaus, wie sich das alle vorgestellt hatten: mit dem Pokal in der Hand.
Jetzt, zwei Jahre später, wollen die Franzosen ihren Titel verteidigen. In Berlin starten sie heute in die Vorrunde. Nur wird ihnen Karabatic, 34, sehr wahrscheinlich nicht helfen können. „Er wird bei der WM nicht spielen können“, sagte Guillaume Gille, einer von zwei Nationaltrainern Frankreichs, im „Kicker“, obwohl der Rückraumspieler noch im erweiterten Kader zu finden ist. Im Oktober konnte er seinen Zehen nicht mehr ignorieren. Die Diagnose: Hallux valgus, Schiefstand des Großzehs. Also wurde Karabatic operiert – und fehlt bis heute. Er, der beste Handballer des letzten Jahrzehnts, wird erstmals seit 2003 ein großes Turnier verpassen. Und sofort fragt man sich: Wie wirkt sich das auf die WM aus?
Es gibt genug Experten, die glauben: kaum. Der deutsche Cheftrainer Christian Prokop etwa sagt, dass er Frankreich „in der Favoritenrolle“ sei. Nikolaj Jacobsen, der Coach der Dänen, hält die Franzosen für „die beste Mannschaft der Welt“. Und der frühere Nationalspieler Florian Kehrmann sagte zu „Sport1“: „Der Umbruch, den sie geschafft haben, ist beeindruckend.“
Es ist in der Tat erstaunlich, wie die französischen Handballer vier der letzten fünf Weltmeisterschaften für sich entschieden – und ganz nebenbei neue, sehr talentierte Spieler in ihre Nationalmannschaft eingeflechtet haben. Im Rückraum spielen jetzt Nedim Remili (23, Paris St. Germain), Dika Mem (21, FC Barcelona) und Melvyn Richardson (21, Montpellier), am Kreis Ludovic Fabregas (22, FC Barcelona). Und sogar für den stets überragenden Torhüter Thierry Omeyer haben sie mit dem 32-jährigen Vincent Gérard einen (nicht ganz so jungen) Ersatz gefunden. Er hält für Montpellier. Das ist übrigens ein anderer Nebeneffekt der Vorherrschaft der Nationalmannschaft: Früher hieß es immer, die Bundesliga sei die beste Liga der Welt. Beim letzten Final-Four-Turnier der Champions League jedoch kamen drei der vier Teilnehmer aus Frankreich.
Natürlich wird den Franzosen, die am Dienstag gegen Deutschland spielen, Karabatic fehlen. Doch sie können sich auf das verlassen, was sie seit Jahren vom Rest abhebt: ihre Abwehr. Und auch an Erfahrung fehlt es nicht. Im Kader finden sich viele erprobte Spieler, etwa den Außen Luc Abalo, der noch immer höher springt als die meisten.
Zu jenem Abalo gibt es eine Geschichte, die Markus Baur erzählt hat, der Spielmacher der Weltmeistermannschaft von 2007 – und die zu schön ist, um sie nicht zu erwähnen. Als die Deutschen damals im Halbfinale Frankreich besiegten, sagte Baur in der Verlängerung einen Trickspielzug an, den sogenannten Kempa, den Dominik Klein auch verwandelte. Nun sagt Baur: „Das Witzige ist: der gleiche Franzose, der damals gepennt hat, ist immer noch da: Luc Abalo.“