München – Michael Wolf ist clever. Er schlägt sich nicht. Er rauft lieber.
Dass die Handschuhe wegfliegen und er Boxerhaltung einnimmt – beim bald 38-jährigen Kapitän des EHC München nicht vorstellbar. Für die wilden Fights fehlt ihm die Statur. Konflikten kann man auf dem Eis aber nie ganz aus dem Weg gehen, nur bestreitet der Allgäuer sie anders: Packt den Gegner am Trikot, versucht ihn, an die Bande und in den Schwitzkasten zu zwingen. Ein zähes Ringen, bei dem der körperlich unterschätzte Wolf immer wieder überrascht.
Vielleicht auch auf diese Art sichert er sich seine Langlebigkeit als Eishockeyspieler, die an diesem Freitag in Krefeld (19.30 Uhr) ein Doppeljubiläum erfährt. Zum 750. Mal läuft Wolf in der DEL auf, zum 275. Mal für den EHC München.
750 Partien sind eine Menge Holz, aber bei weitem noch nicht die Spitze: Mirko Lüdemann war für die Kölner Haie von 1993, ein Jahr vor Einführung der DEL, bis 2015 sage und schreibe 1197 Mal im Einsatz, Niki Mondt trat 2014 nach 1060 Partien (seit 1995) ab, Daniel Kreutzer kam zwischen 1996 und 2017 auf die gleiche Anzahl. Patrick Köppchen, der immer noch verteidigt (für die Düsseldorfer EG), machte diese Saison sein 1000. Liga-Spiel.
Michael Wolf kann zwar auf eine Karriere zurückblicken, die diese Saison mit neun Wochen ihre längste Verletzungs-Unterbrechung erfuhr, die aber später begann. Erst mit 24 bekam er einen Vertrag in der DEL, zuvor war er in der Oberliga bei seinem Heimatverein EV Füssen gewesen, gefolgt von drei Jahren 2. Liga in Bietigheim-Bissingen und einem bei den Moskitos Essen (2004/05). Erst dort spielte er torjägermäßig auf, steigerte seine Quote. Neun Jahre stürmte er für Iserlohn, zusammen mit Robert Hock bildete er das Duo, das in der DEL am meisten punktete. 2014 der Wechsel nach München war eine Vernunft-Entscheidung: mehr Geld, näher an daheim. In Füssen betreibt die Familie ein Schuhgeschäft.
Die Vernunft trieb Wolf auch dazu, sein sportliches Pensum mit zunehmendem Alter zu reduzieren. Die sonst bei den Germering Wanderers zugebrachte Sommersaison auf Inline-Skates ließ er weg (er hatte auch immer noch die Inline-WM gespielt), aus der Eishockey-Nationalmannschaft trat er 2015 zurück. Dass er Rekordspieler beim stets im November ausgetragenen Deutschland-Cup ist, ringt ihm ein Lächeln ab (er weiß, das steht für Pflichtbewusstsein, ist aber keine Marke, nach der man bewusst strebt), das Olympia-Silber von Pyeongchang 2018 hat er wohl hergeschenkt, denn es gibt keinen Zweifel, dass er sich für den Kader qualifiziert hätte, wäre er nicht zurückgetreten gewesen.
Michael Wolfs Vertrag endet nach dieser Saison, danach ist wieder alles möglich: noch ein Jahr München, heim zum EV Füssen (derzeit Bayernliga) oder nur noch Geschäftsmann. Die ewige Torjägerliste der DEL führt er aktuell mit 329 Treffern knapp vor dem Nürnberger Patrick Reimer (325) an, sagt aber: „Patrick ist jünger, er wird länger spielen und mich sowieso überholen.“
Eine Stärke spielt Wolf derzeit gnadenlos aus: Penaltys. Die letzten drei hat er verwandelt. Alle nach dem einen Muster: Anlauf, Überraschungs-Stopp, Hammer in den Winkel. Der alte Fuchs,