Im Handball-Rausch

von Redaktion

Vier Erkenntnisse der ersten vier Tage der WM in Deutschland und Dänemark

VON CHRISTOPHER MELTZER

München – Am Samstagabend meldete sich dann sogar Tobias Reichmann. Der deutsche Handballer war nicht für die Heim-WM nominiert worden – und daraufhin frustriert in die USA gereist, trotz guter Chancen, im Turnierverlauf noch berufen zu werden. Am Flughafen hatte er sich noch via Instagram mit zynischen Posts verabschiedet. In einem schrieb er: „Tschausen ihr Banausen.“ Ein Mittelfinger für den Bundestrainer. Als die deutsche Nationalmannschaft im zweiten WM-Spiel in Berlin am Samstag aber Brasilien vorführte (34:21), kommentierte Reichmann, erneut via Instagram: „Geiles Spiel ihr Banausen. Macht weiter so.“ So ist das mit dieser Handball-WM: Sie zieht auch jene in den Bann, die nichts mehr von ihr wissen wollten. Vier Erkenntnisse der ersten vier WM-Tage.

Deutschland hat sich in einen Rausch gespielt

An Selbstbewusstsein fehlt es Andreas Wolff nicht. Es passte daher auch, dass der deutsche Torhüter nach dem beeindruckenden Sieg gegen Brasilien zu den Reportern sagte: „Wir haben gezeigt, dass wir Großes erreichen wollen. Das oberste Ziel ist es, den Pott im Land zu behalten.“ Natürlich ist es zu früh, um das weiter bewerten zu können, die wegweisenden Gruppenspiele gegen Russland (Montag, 18 Uhr, wohl mit dem zuletzt angeschlagenen Franz Semper) und danach Frankreich (Dienstag, 20.30 Uhr) stehen ja noch bevor. Doch es ist schon erstaunlich, dass die Deutschen nur zweimal 60 Minuten gebraucht haben, um sich in einen Rausch zu spielen. Gegen Brasilien verteidigten sie weltklasse, das Team ergänzte sich perfekt. Bundestrainer Christian Prokop drückte es so aus: „Ich freue mich darüber, wie meine Jungs fighten, blocken, taktische Dinge absprechen und umsetzen.“ Vor einem Jahr, nach dem frühen EM-Aus, war Prokop angezählt worden. Am Samstag sagte er: „Das war das schönste Spiel, seit ich Bundestrainer bin.“

Die Torhüter prägen die WM bisher

Um den Wert der Torhüter zu verstehen, muss man nur wiedergeben, was Hendrik Pekeler am Samstag erzählt hat. Der deutsche Mittelblocker sagte: „Wenn du so einen Torhüter hinten drin hast, dann baut das einen natürlich noch einmal mehr auf.“ Er meinte natürlich Andreas Wolff, den deutschen Stammkeeper, der in den ersten Minuten fast jeden Wurf der Brasilianer abwehrte – und seinem Team einen ordentlichen Vorsprung schenkte. Nun ist Wolff nicht der einzige Torhüter, der in den ersten WM-Spielen auffällt. Noch besser als er hält etwa der Däne Niklas Landin. Im ersten Spiel wehrte er 71 Prozent aller Würfe ab, ein unglaublicher Wert. Und die Norwegen haben gleich zwei gute Goalies. Im ersten Spiel überzeugte Torbjorn Bergerud (44 Prozent), im zweiten Espen Christensen (47 Prozent). Es steht fest: Die WM wird sich auf der Torhüter-Position entscheiden.

In den Hallen feiern die Fans große Partys

Eines vorneweg: Wer sich die Handball-WM live in der Halle anschauen will, muss dafür viel Geld ausgeben, weil die Tickets fast immer nur als Tagespass (drei Spiele) zu haben sind. Auf die Stimmung in den Hallen wirkt sich das aber nicht aus. Sie sind voll, die Fans kommen mit Fahnen, Farben und Feierwut. Zum deutschen Spiel gegen Brasilien versammelten sich 13 500 Menschen in der Berliner Arena (am TV schauten 7,92 Millionen zu). Torhüter Andreas Wolff sagte: „Ich habe Gänsehaut bekommen, als die ganze Halle die Nationalhymne mitgesungen hat. Das war ein unglaublicher Moment.“

München ist ein guter Gastgeber

Als das Spiel in der Münchner Olympiahalle am Freitag vorbei war, spazierte plötzlich Nico Kovac aufs Feld. Der Fußballtrainer des FC Bayern war zu Besuch gekommen, um den kroatischen Handballern, seinen Landsmännern, zum ersten WM-Sieg gegen Island zu gratulieren. „Das ist ein richtig harter Sport. Da geht es ständig rauf und runter. Viel mehr als bei uns“, sagte Kovac – und wandte sich dann noch in seiner Muttersprache an die tausenden kroatischen Fans in der Halle. Sie verabschiedeten ihn mit besonders viel Applaus.

Obwohl es in München bereits seit Jahren keinen Handball auf Spitzenniveau mehr gibt, sind die sechs Nationen der Gruppe C gut aufgenommen worden. „München ist einfach eine begeisterte Sportstadt“, sagte Marion Schöne, die Chefin des Olympiaparks. Und weil mit den Isländern und Kroaten zwei sehr lebendige Fangruppen in die Halle eingezogen sind (12 000 Zuschauer waren am Freitag da), muss man sich um die Stimmung auch nicht sorgen.

Artikel 1 von 11