Melbourne – Zu den zentralen Sätzen im Sport wie im Leben gehört, aus Niederlagen lerne man mehr als aus Siegen. Vom Freund verlassen, vom Partner betrogen zu werden, schärft den Blick für Beziehungen; bei einer Prüfung durchgefallen zu sein, führt bei der nächsten zu mehr Disziplin, und normalerweise ist es nicht schwer, aus einem Kater nach heftigem Alkoholgenuss die richtigen Schlüsse zu ziehen. Normalerweise. Aber was machen wir nun mit dem Fall von Alexander Zverev?
Im vergangenen Jahr verlor Deutschlands bester Tennisspieler in der dritten Runde der Australian Open gegen den ein Jahr älteren Südkoreaner Hyeon Chung in fünf Sätzen. Vier Sätze lang hatte es ganz gut ausgesehen für Zverev, beim 0:6 im fünften machte er allerdings nur noch fünf Punkte. Als er hinterher gefragt wurde, ob er sich vielleicht bei den Grand-Slam-Turnieren generell zu viel Druck mache, weil er bei den wichtigsten Gelegenheit unbedingt zeigen wolle, was er drauf habe, da brauchte er für die Antwort nur ein Wort: „Ja.“ Kurz danach lief er Roger Federer in die Arme, der ihm riet, die Niederlage nicht zu schwer zu nehmen und in Zukunft nicht mit der Idee zu einem Grand-Slam-Turnier zu fahren, er müsse jetzt dringend den Titel gewinnen.
Ein paar Monate später bei den French Open landete er zum ersten Mal im Viertelfinale bei einem der vier wichtigsten Turniere, doch in Wimbledon und bei den US Open verlor er wie in Melbourne in Runde drei. Seine Bilanz auf der Grand-Slam-Ebene sah damit zwar besser aus als 2017, aber er gab zu, er habe mehr erwartet. Und diesmal, wie sieht es nun vor dem ersten Auftritt gegen den Slowenen Aljaz Bedene aus, Nummer 67 der Welt, mit seinen Erwartungen aus? „Ganz ehrlich: Ich habe keine. Ich war hier nie weiter als in der dritten Runde, wir werden sehen, wie es läuft. Ich will es genießen, hier zu sein, so oft zu spielen, wie es geht. Und wenn ich das tatsächlich schaffe, wird sich alles andere von selbst finden.“
Soll man das wirklich glauben? Bei allem Ehrgeiz, der in ihm steckt, bei aller jugendlichen Ungeduld? Aber vielleicht sind es weniger die Niederlagen bei den großen Turnieren aus dem vergangenen Jahr, die sich zu einer wertvollen Lektion verdichten, als vielmehr der größte Sieg. Im November flog er zu den ATP-Finals nach London, für das nur die besten Acht des Jahres qualifiziert waren, und wie die anderen war er müde. Konnte den Beginn des Urlaubs danach kaum noch erwarten, hatte genau deshalb aber das Gefühl, deutlich entspannter zu sein. Und am Ende gewann er das Ding. Besiegte Federer im Halbfinale und Novak Djokovic im Finale und schnappte sich den Pokal, den wichtigsten seiner Karriere. „Ich denke“, sagt Zverev, „dass ich daraus irgendwie gelernt und begriffen habe, dass ich bei den Grand-Slam-Turnieren mit einer ähnlichen Einstellung spielen muss. Man darf nur nicht denken, es ist das Ende der Welt, wenn man verliert. Wenn man es so angeht und genießt, wird man auch automatisch mehr Erfolg haben.“
Beim Hopman Cup in Perth machte er einen soliden Eindruck, ein danach geplanter Auftritt in Adelaide fiel aus, und bei den ersten Trainingseinheiten im Melbourne Park lief nicht alles nach Plan. Mitte der Woche knickte er um, blieb danach eine Weile lang regungslos auf dem blauen Boden liegen und brach das Training dann ab. Doch dem linken Sprunggelenk, so ließ er vor dem ersten Auftritt wissen, gehe es gut.
Stellt sich nun also die Frage, was mehr wiegt? Die zwölf Monate alten Erkenntnisse nach der Niederlage gegen Chung oder die zwei Monate jungen Eingebungen nach dem Sieg gegen Djokovic? Wenn man es genau nimmt, gehört alles zusammen; das eine als These, das andere als Beweis. „Ich hab das Gefühl, dass in den letzten drei Jahren immer jemand auf mich geschaut hat. Durch den Sieg ändert sich nichts. Ich sehe mich nicht als großen Favoriten, das sind immer noch Rafa, Roger und Novak.“ Mit der Aussage steht er erst mal auf der sicheren Seite.