Nicht denken, sondern kämpfen

von Redaktion

Die wenig verbliebenen Techniker um Felix Neureuther suchen einen Ausweg aus der Misere

VON ELISABETH SCHLAMMERL

Adelboden – Ante Kostelic gehörte bisher nicht zu den Ratgebern der deutschen Alpinen. Der kroatische Trainer genießt den Ruf, eher ein harter Hund zu sein und nicht unbedingt einfühlsam. Aber beim Weltcup-Slalom in Adelboden schien er zu spüren, dass Felix Neureuther gerade ein wenig vom Weg abkommt und gab ihm einen Tipp. Er habe ihm gesagt, „Felix, nicht denken, sondern kämpfen“, erzählte Garmisch-Partenkirchner. Gelungen ist Neureuther dies nur bedingt – und deshalb wollte er auch so schnell, wie es nur ging, weg aus dem Berner Oberland. Er saß bereits im Auto, als feststand, dass er dieses Rennen als 15. beendet hatte, vier Ränge hinter Dominik Stehle aus Obermaiselstein, dieses Mal bester Deutscher. Nach Platz 27 im ersten Durchgang lief es im Finale etwas besser für Neureuther, aber nicht so, wie er es sich vorstellt. „Es ist noch mehr Arbeit als gedacht“, sagte er.

Nach der Kreuzbandverletzung, dem Daumenbruch und einem Schleudertrauma mit Gehirnerschütterung verfolgt Neureuther zwar (noch) nicht den Anspruch, auf dem Siegerpodest zu landen, erst recht nicht mit Marcel Hirscher Schritt halten zu können. Der Österreicher fuhr in Adelboden seine Weltcup-Siege Nummer 66 und 67 ein. Aber beim vierten Slalom seit seinem Comeback hätte er sich schon einen kleinen Fortschritt erhofft nach zwei 8. Plätzen in Madonna di Campiglio und Zagreb. „Ich warte auf diesen Klickmoment, sagte Neureuther.

Der Rückstand auf die Spitze sei nicht allein mit fehlender Wettkampf-Praxis zu erklären. Er habe noch nicht die Sicherheit, volles Risiko zu gehen, gab der 34-Jährige zu. Als im zweiten Durchgang nach der Hälfte der Fahrt die Brille beschlug, „dann habe ich mich einfach nicht getraut“.

Neureuthers Auftritt in Adelboden passt ins Bild, das die deutsche Techniker-Mannschaft in diesem Winter abgibt. Zum ersten Mal seit neun Jahren stehen die Männer in Slalom und Riesenslalom Mitte Januar ohne Podestplatz da. Zwar hatte Stefan Luitz in Beaver Creek gewonnen, aber der Sieg ist ihm wegen der unerlaubten Sauerstoff-Einnahme nach längerem Hin und Her vom Internationalen Skiverband FIS nun aberkannt worden – und nun droht ihm wieder eine längere Verletzungspause. Beim Riesenslalom in Adelboden kugelte er sich die Schulter aus (siehe Artikel unten).

Im Gegensatz zu einigen seiner Mannschaftskollegen weiß er aber, dass die Form grundsätzlich stimmt. Der 4. Platz beim Riesenslalom in Saalbach-Hinterglemm vor Weihnachten ist dies beste Resultat eines deutschen Technik-Fahrers in dieser Saison. Es habe jeder so seine Baustellen“, sagte Linus Straßer, der gestern wieder einmal ausschied. Er selbst glänzt derzeit allenfalls mit Teilzeiten. Fritz Dopfer kämpft nach seinem Beinbruch bisher vergeblich um den Anschluss. Dazu kommt ein Syndesmosebandriss von Nachwuchsfahrer David Ketterer. Das Resultat von Stehle in Adelboden ist einer der wenigen Lichtblicke für die deutsche Technikmannschaft. „Das Glück“, sagte Luitz, „ist momentan nicht auf unserer Seite.“

Für Neureuther ist das auch eine Kopfsache. „Es macht sich jeder einzelne ein bisschen mehr Druck, dann kommt so ein Strudel rein.“ Er selbst denkt nicht nur über seine Rückstände nach, sondern auch über das Material, fehlende Kondition – und vor allem über die vielen Verletzungen in jüngster Zeit. Da frage man sich schon, ob dies ein Zeichen sei, sagt Neureuther: „Will mir mein Körper was sagen? Kollege, jetzt ist mal gut so?“ Aber mit der Grübelei soll nun Schluss sein, hat sich Neureuther vorgenommen. Den Rat von Kostelic „nehme ich mit“. Erst einmal nach Hause und dann ein paar Tage später nach Wengen. Dort findet am Sonntag der nächste Slalom statt.

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