Kein Schwergewicht

von Redaktion

Dagur Sigurdsson und seine Japaner verlieren gegen Spanien – ihnen fehlt die Physis

München – Als Julen Aguinagalde den Ball fing, drängelten sich gleich drei Japaner um ihn. Sie zerrten und zupften an ihm. Einer von links, einer von rechts, einer von hinten. Nur störte das Aguinagalde nicht. Der spanische Handballer – 1,95 Meter groß, 110 Kilo schwer – lehnte sich am Kreis nach hinten und bewegte die Japaner einfach mit. Als diese dann doch ein wenig zu aufdringlich wurden, passte Aguinagalde den Ball weiter zu Ferran Solé, der ihn mühelos ins Tor warf. Sein Gegenspieler zerrte da immer noch an Aguinagalde.

Ein paar Meter weiter, hinter der Seitenlinie, stand der Isländer Dagur Sigurdsson, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Er schaute auf jene drei Japanaer, die er trainiert. Als das Tor fiel, fuchtelte er aber nicht mit den Armen, schimpfte nicht, er drehte sich einfach um und zeigte den nächsten Spielzug an. Sigurdsson weiß, dass es in diesen Tagen Grenzen gibt, an die seine Spieler stoßen.

Am Montagabend haben Japans Handballer in der Münchner Olympiahalle vor 7300 Zuschauern ihr WM-Vorrundenspiel gegen Spanien verloren (22:26). Es war die dritte Niederlage im dritten Spiel. Zur Halbzeit führten die Japaner sogar 11:10, doch den Europameister konnten nicht 60 Minuten bändigen – trotz den klugen Ideen von Sigurdsson.

Vor knapp zwei Jahren hat Sigurdsson, 45, den Deutschen Handball-Bund (DHB) – den er 2016 zum EM-Titel geführt hat – verlassen, um sich an einer Aufgabe zu versuchen, die selbst für ihn nur schwer zu meistern ist: Er soll die Japaner bis zu den Olympischen Spiele 2020 in Tokio so nah wie nur möglich an die Weltelite heranführen. In München darf sich Sigurdsson nun anderthalb Jahre vor dem großen Heimturnier im Wettkampf mit den Top-Nationen messen. Zur Einordnung: Die Japaner dürfen nur mitmachen, weil der Handball-Weltverband ihnen eine Wildcard schenkte.

Schon am vergangenen Freitag hatte Sigurdsson gesagt: „Für uns ist das schwer – und die nächsten Spiele werden ganz genau so.“ Am Montag aber waren die Japaner schon verdammt nah dran. Sie griffen trickreich an, sie verteidigten geschickt, ihr Torhüter hielt fantastisch. Es lief dann aber, wie es Sigurdsson bereits am Freitag vorhergesagt hatte: „Wir haben nicht die Größe und die Körper, um dagegen zu kämpfen.“ CHRISTOPHER MELTZER

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