Neue Brille, andere Zeiten

von Redaktion

Salzburgs Trainer Greg Poss ist Gegenspieler von München im Champions-League-Halbfinale

VON GÜNTER KLEIN

München – Was zuallererst auffällt: Die Brille ist jetzt eine andere.

Zu seinen Trainer-Zeiten in Deutschland, die ja nun über zehn Jahre zurückliegen, trug Greg Poss immer eine Feinrandbrille. Sie vermittelte ein Image: Typ junger Studienrat, analytisch, einer, der Eishockey denkt. Nun, als Trainer beim EC Salzburg, wirkt Poss anders: Das Gesicht ist etwas voller geworden, er verkörpert nicht mehr das aufdringlich Streberhafte. Die Brille dazu: Modell Hornbrille. Groß, robust.

Die Wege von Greg Poss und dem deutschen Eishockey sind nach 2007 auseinander gegangen. Die Adler Mannheim hatten den US-Amerikaner ein halbes Jahr, nachdem er mit ihnen Deutscher Meister geworden war, gefeuert. Er verschwand aus der Wahrnehmung. Lediglich in Insiderkreisen wurde registriert, dass er 2010 in der drittklassigen amerikanischen East Coast Hockey League (ECHL), der Farmteamliga der Farmteamliga, wieder auftauchte. Es lief gut dort für Poss: Sechs Jahre lang coachte er die Florida Everblades. Dann der Wechsel zurück nach Europa: Im Mai 2016 schlug Greg Poss in der Red-Bull-Organisation in Salzburg auf. Und in München gingen die Alarmsysteme los. Wer Trainer in Salzburg ist, ist Kandidat für den EHC. Seit Red Bull das Sagen hat in München, kamen die Trainer aus Salzburg: erst Pierre Pagé, dann Don Jackson, der höchst erfolgreich, aber auch schon 62 ist.

In München sieht man eher Jacksons Assistenten Matt McIlvane in der Rolle des Thronfolgers, Jackson lässt dem 33-jährigen Amerikaner große Freiräume, McIlvane obliegt die taktische Vorbereitung der Mannschaft auf das Halbfinal-Rückspiel der Champions Hockey League am Mittwoch (20.20 Uhr) in Salzburg. Und gegen Poss – der nach dem 0:0 vorige Woche in München sichtlich stolz war, dem Deutschen Meister zugesetzt zu haben.

München gegen Salzburg ist das Duell zweier Teams aus einem Haus, es ist allerdings auch das übliche Spiel Deutschland versus Österreich und speziell das Spiel Deutschland gegen Poss.

Zu seiner Feinrandbrillenzeit war Poss ein angesagter Trainer in Deutschland. Als Endzwanziger (Spielerkarriere wegen Knieschaden früh beendet) tauchte er in der 2. Liga auf; Umtriebig an der Bande, er ließ seine Spieler nie ruhen. Bisweilen verlor er die Kontrolle über sich. Die Feinrandbrille war nur Tarnung für einen aufbrausenden Menschen. Als Coach von Iserlohn lieferte er sich Ende der 90er-Jahre eine Kabinengang-Rauferei mit Riessersee-Trainer Ernst Höfner, der später (2004/05) Assistent des Bundestrainers Poss war.

Der Bundestrainer Poss – eine düstere Zeit. Der Nachfolger des mit seinem Realitätssinn erfolgreichen Hans Zach rief eine WM-Platzierung unter den Top Vier als Ziel aus – und stieg 2005 in Innsbruck ab. Er hatte fast alle Spieler gegen sich. „Man kann die Leute bei einem Turnier am Ende der Saison nicht rumhetzen wie im Verein“, sagt einer, der damals dabei war. Poss blieb trotz des Fiaskos noch im Amt. Der Essener Richter Hans-Ulrich Esken, seinerzeit Verbandspräsident, war von Poss überzeugt. Mit dem Angebot aus Mannheim endete Poss’ Bundestrainerzeit im Dezember 2005.

Poss hat immer polarisiert. Es gab Spieler wie Felix Petermann, die ihm zu seinem jeweiligen Club folgten und sagten, er sei ihr wichtigster Trainer gewesen. Und Spieler, die die Augen verdrehten, wenn der Name fiel.

Poss jedenfalls hat gelernt: Ein 0:0 hätte er früher abgelehnt. Nun erkennt er den Nutzen. Nicht nur die Brille ist neu.

Artikel 9 von 11