Alles passt wieder zusammen

von Redaktion

Siegemund feiert gegen Asarenka den größten Sieg nach ihrem Kreuzbandriss

VON DORIS HENKEL

Melbourne – Es gibt nicht viele in ihrem Job, die die Dinge so klar und logisch erklären können wie Laura Siegemund; wo andere nach Worten suchen, fallen ihre Antworten in die Kategorie „A Quadrat plus B Quadrat gleich C Quadrat. Natürlich waren die Stunden nach dem gestrigen Sieg der Schwäbin in Melbourne in erster Linie geprägt von großer Freude, schließlich hatte sie wegen eines Kreuzbandrisses im Mai 2017 zweieinhalb Jahre lang kein Spiel bei einem Grand-Slam-Turnier gewonnen.

Der Weg zurück nach einer so schweren Verletzung ist hart und lang, und Kleinigkeiten, die früher selbstverständlich zu sein schienen, türmen sich zu großen Herausforderungen auf. „Vorher denkst du, alles läuft rund, du kannst spielen und gute Leute besiegen“. Aber so eine Verletzung sei wie ein Messer, das mitten durch das Athletenleben gehe. „Durch deinen Körper, deinen Geist, dein Spiel. Das alles musst du dir zurückholen.“

Nach zehn Monaten Pause war sie im März 2018 zum Tennis zurückgekehrt, und sie hatte die Auszeit auf vielfältige Weise genutzt. War in Stuttgart umgezogen, hatte sich um Freundschaften gekümmert, wieder öfter Klavier gespielt. Und hatte bei Vorträgen aus ihrem Spezialgebiet Psychologie – sie hatte ein Bachelor-Studium an der Fern-Uni Hagen abgeschlossen – eine Idee bekommen, wie es nach der Tenniskarriere weitergehen könnte.

Aber die Zukunft kann später beginnen. Der Sieg in der ersten Runde der Australian Open gegen die zweimalige Gewinnerin des Turniers, Victoria Asarenka (6:7, 6:4, 6:2), war der Lohn für eine kämpferische Leistung unter schweißtreibenden Bedingungen. Asarenka versucht seit längerer Zeit, wieder Fuß zu fassen und sich einem Niveau zu nähern, auf dem sie vor sieben Jahren die Nummer eins war. Aber wie fragil ihr Gleichgewicht angesichts des langwierigen Sorgerechtsstreits um ihren Sohn Leo (2) ist, das sah man auch nach dem Spiel in der Pressekonferenz, als sie unter Tränen über die Schwierigkeiten sprach, wieder ein stabiles Leben aufzubauen.

Ein kaputtes Knie ist leichter zu heilen als ein gebrochenes Herz, und so ist Laura Siegemund im Moment sicher besser dran als Victoria Asarenka. Sie sagt, im vergangenen Jahr habe das Problem darin bestanden, die Leistungen aus dem Training ins Spiel zu übertragen und in den wichtigen Momenten wieder eine Form von Selbstverständlichkeit zu gewinnen. „Du weißt, dass du eine gute Spielerin bist, und du weißt, was du erreicht hast. Aber du brauchst solche Spiele wie heute, um dir das zu beweisen. Das ganze Paket muss einfach wieder zusammenpassen.“

Von der Verletzung wurde sie in der besten Zeit ihrer aus mehreren Etappen bestehenden Karriere erwischt; ein paar Wochen zuvor hatte sie in Stuttgart den bis dahin größten Titel gewonnen, und es hatte so ausgesehen, als sei sie auf dem besten Weg, unter den Top 20 zu landen. Im Moment steht sie knapp außerhalb der besten hundert, aber mit einem Sieg in der zweiten Runde gegen Su-Weih Hsieh aus Taiwan könnte sie wieder zu dieser Gruppe gehören.

Der Sieg gegen Asarenka sei der beste seit ihrer Verletzung gewesen, sagt Laura Siegemund, und sie freue sich auf alles weitere. Sie hat ein neues Trainings-Team zusammen gestellt, es gibt einen neuen Mann in ihrem Leben und manche Dinge, an denen sie jetzt mehr Gefallen findet als vor dem Kreuzbandriss. „Die Auszeit hat mir schon gut getan, weil ich echt noch mal gemerkt hab, wie gerne ich spielen will“. Natürlich hätte sie auf das Messer mitten in ihrem Leben gut verzichten können, doch es sieht so aus, als passten die Teile allmählich wieder zusammen.

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