Im Mai 2017 fürchtete der Basketballer Enes Kanter das erste Mal um sein Leben. Er, der NBA-Star, war damals in Indonesien, um ein Trainingscamp für Kinder zu leiten. In der Nacht klopfte es an seiner Tür, es war sein Manager, der warnte, dass die indonesische Polizei nach ihm sucht – in Absprache mit der türkischen Regierung, die der Basketballer oft und heftig kritisiert hat. Kanter raste zum Flughafen und flüchtete. Als er in Rumänien landete, stellten die Beamten dort fest, dass sein türkischer Pass nicht mehr gültig ist. Nur mit der Hilfe seiner NBA-Kontakte konnte er zurück in die USA reisen. Seitdem weiß Kanter, dass er einen mächtigen Feind hat: den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan.
An diesem Donnerstag, anderthalb Jahre später, müsste Kanter mit seinen New York Knicks eigentlich in London spielen. Doch er sagte den Trip ab, wieder fürchtet er um sein Leben. Die türkische Regierung hat wohl seine Auslieferung gefordert. Sein Name soll bald auf einer Fahndungsliste von Interpol stehen. Kanter sagte: „Es besteht die Möglichkeit, dass ich da draußen getötet werde.“
Man sollte diese Geschichte mit ihren gruseligen Details kennen, wenn man sich nun in jene Diskussion über die Meinungsfreiheit stürzt, die der frühere Handballer Stefan Kretzschmar ausgelöst hat, als er in einem Interview behauptete: Wer als Sportler in Deutschland eine Meinung vertritt, die der Mehrheit nicht passt, bekommt Probleme. Das stimmt, weil Sportler zunehmend in den Kontrolldrang von Verbänden, Sponsoren und auch Medien geraten sind. Das stimmt aber auch nicht, weil einige ihre Meinungsfreiheit sehr wohl nutzen. Nur ein Beispiel: Die Athleten-Vertreter, die sich trauen, dem Deutschen Olympischen Sportbund zu widersprechen.
Man sollte dann wieder in die USA zu blicken, wo der Basketballer Enes Kanter trotz der Furcht um sein Leben beharrlich auf die Menschenrechtsverletzungen der Erdogan-Regierung hinweist, wo der Footballer Colin Kaepernick keinen Verein mehr findet, weil er gegen Polizeigewalt und Rassismus im eigenen Land protestierte. Es gibt im US-Sport auch viel zu bemängeln. Dort sieht man aber, wie Spitzensportler gehört werden, wie sie Debatten anstoßen. Und dort erkennt man auch erst, wie peinlich es im Nachhinein ist, dass sich der Fußballer Mesut Özil, geschützt vom DFB, vor Presserunden (und damit Fragen zur Türkei und den Menschenrechten) drücken durfte – und natürlich auch wie peinlich es ist, dass fast alle Mitspieler schwiegen, als Özil begleitet von teils rassistischen Bemerkungen die Nationalmannschaft verließ.
Jetzt wäre daher eine gute Gelegenheit für die deutschen Spitzensportler, um einen neuen Standard zu setzen: eine Meinung haben, sie vertreten, Haltung zeigen – auch wenn’s Widerstand gibt. Sie brauchen dafür aber Unterstützung: von Trainern, Verbänden, Sponsoren – und Medien, die leider schon wieder die furchtbar nervige Frage diskutieren, ob es im Sport noch echte „Typen“ gibt.
christopher.meltzer@ovb.net