Zentimeterarbeit

von Redaktion

Trainer Dagur Sigurdsson versucht den Japanern beizubringen, den Größennachteil zu kaschieren

München – Am späten Montagabend blieb der Handballtrainer Dagur Sigurdsson im Keller der Münchner Olympiahalle stehen und erzählte eine Geschichte über seinen Sport. In Japan, fing er an, sei Handball sehr viel anders, auch kulturell. Wenn eine Vereinsmannschaft dort einen neuen, jungen Spieler aufnehme, müsse im Gegenzug stets der Älteste aufhören – ganz egal, wie gut er noch ist. Sigurdsson, der Isländer, kennt viele solcher Geschichten, doch diese eine genügt schon, um zu verstehen, wie schwer er es hat. Er lehrt als Nationaltrainer in einem Land, das den Handballsport sehr anders versteht als er selbst.

Nun muss man Sigurdsson, 45, sicher nicht bemitleiden, er hat vor knapp zwei Jahren freiwillig entschieden, das Angebot aus Japan anzunehmen. Er wusste genau, was ihn erwartet, als Spielertrainer verbrachte er mal drei Jahre (2000 bis 2003) in Hiroshima. Er hätte auch einfach in Deutschland bleiben können, wo der Handball-Verband ihn verehrte, weil er ihm 2016 den EM-Titel geschenkt hat. Jetzt aber arbeitet er für den japanischen Verband, der nur eine kleine Liga mit neun Mannschaften betreibt, die Sigurdsson „Firmenmannschaften“ nennt. Er arbeitet mit Spielern, die taktisch nie wirklich ausgebildet worden sind. Mit 16 von ihnen ist Sigurdsson in der vergangenen Woche zur WM-Vorrunde nach München gereist, wo sie nur mitmachen dürfen, weil der Weltverband ihnen eine Wildcard zugesteckt hat. Als der Trainer also am Montagabend im Keller der Olympiahalle stand – gerade hatte er mit seinen Japanern gegen Spanien auch das dritte WM-Spiel verloren –, sagte er: „Alle Gegner sind immer noch eine Nummer zu groß.“

Man darf das wörtlich nehmen. In seiner Mannschaft gibt es nur drei Spieler, die größer sind als Sigurdsson selbst, der 1,93 Meter misst. Das sind die Kreisläufer Hiroyasu Tamakawa (1,98) und Kenya Kasahara (1,96) sowie der Rückraumspieler Adam Yuki Baig (1,94). Schon nach dem ersten WM-Spiel gegen die bulligen Mazedonier hatte Sigurdsson gesagt: „Wir haben nicht die Größe und die Körper, um dagegen zu kämpfen.“ Er muss Zentimeterarbeit leisten.

In München zeigt sich gerade aber auch, warum die Japaner Sigurdsson angestellt haben. Er hat seinen Nationalspielern viele Spielzüge beigebracht, die ihnen helfen, den natürlichen Nachteil zu überwinden. Im Duell mit Spanien, dem Europameister, griffen sie mit vielen Pässen, Kreuzbewegungen und Richtungswechseln an. Und weil ihr Torhüter Akihito Kai fantastisch hielt, führten sie zur Pause sogar. Der spanische Torhüter Rodrigo Corrales sagte hinterher: „Dagur leistet großartige Arbeit.“

Nur weiß Sigurdsson, dass von ihm mehr erwartet wird. Die Japaner bezahlen ihn, damit er ihr Nationalteam auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio vorbereitet. „Sie wollen natürlich die Mannschaft nach vorne pushen – so weit, wie möglich“, sagte er. Aber wie weit geht das überhaupt?

Falls sein Arbeitgeber einen Beweis für den Fortschritt verlangt, sollte Sigurdsson jedenfalls die andere Geschichte erzählen, die er am Montag vorgetragen hatte. Er sagte: „Vor fünf Jahren hat diese Mannschaft mit 28 Toren Unterschied gegen Spanien verloren.“ Am Montag waren es nur vier. CHRISTOPHER MELTZER

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